Differenz verstehen: Quintessenz der Internetkommunikation? oder: Luhmann und das Web 2.0

Montag 18. Mai 2009 von admin

Ich habe mich etwas mit Luhmann und seiner Systemtheorie beschäftigt. Mir scheint der Kerngedanke in Bezug auf Medientheorie der Folgende zu sein: Kommunikation ist dann gelungen, wenn sie zum Verstehen von Differenz(en) führt, bzw. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn es Differenzen gibt. Dort wo Kommunikation in Konsens mündet ist sie am Ende. Kommunikation bedeutet für Luhmann Anschlussfähigkeit durch Verstehen der Differenz. Luhmann sagt, dass die Massenmedien wie das Fernsehen, dazu führen, dass Konsens entsteht. Das, und damit denke ich Luhmanns Theorie weiter, heißt aber, dass im Internet (ganz im Sinne von Clay Shirky´s “Here comes Everybody” http://www.herecomeseverybody.org) es darum geht, die Vielfalt der Meinungen darzustellen… (Das passt übrigens auch vor dem Hintergrund der Sinus-Studie sehr gut…) Ich habe mal eine PPT dazu erstellt:

Kategorie: Kommunikationsmuster, Medientheorie | 1 Kommentar »

Hochschulen in Second Life …

Montag 2. März 2009 von admin

… das war der Titel einer Veranstaltung der Universität Frankfurt. Nun sind die Audiofiles der Vorträge online. Spannend was es alles da zu hören (und sehen) gibt - vor allem die VHS Goslar begeistert - und mein Kollege Andre Boeing inspiriert wieder einmal! http://www.megadigitale.uni-frankfurt.de/events/SL2008/index.html 

eLearning-Fachforum: Hochschulen in Second Life und anderen virtuellen Welten

19. Januar 2009, 10-17 Uhr, Goethe-Universität Frankfurt/Main, Campus Westend Casino, Raum 1.801

Durch Technologieanbieter wie Linden Lab und dem Produkt Second Life  aber auch Spielwelten wie World of Warcraft wird es zunehmend einfacher 3D-Szenarien zu eigenen Zwecken zu nutzen und zu entwickeln. Nachdem die virtuelle Welt Second Life ihren ersten Einbruch erlebte was die kommerzielle Nutzung anbelangt, versuchen immer mehr Weiterbildungsunternehmen die Möglichkeiten von Second Life auszuloten. Laut Eduserve, beschäftigen sich bereits über 80 Prozent der Schulen und Hochschulen mit solchen Einsatzszenarien. Das Fachforum beleuchtete den Stand der Erprobung und der Diskussion zum Einsatz vom Second Life aber auch anderer 3D-Welten im Weiterbildungskontext deutscher Bildungsanbieter.

Eine persönliche Notiz: Durch meinen Umzug ist leider etwas Verzug ins virtuelle Dasein gekommen, ich hoffe diesen nun aufarbeiten zu können.

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Der Papst in YouTube

Montag 26. Januar 2009 von admin

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Lange habe ich darauf gewartet, diese Meldung zu bringen! Aber es war absehbar, dass es so kommen wird. Am 24.1.2009 hat der Vatikan seine Pläne bekannt gegeben. 2009 wird das Jahr der Netzinkulturation. Die Inkulturation ins Internet und die Nutzung von Web 2.0 Tools stehen ganz oben auf der Agenda.
Hier ist der direkte Link zum neuen Papstkanal auf YouTube: http://www.youtube.com/vaticande Und das ist erst der Anfang. Der Vatikan prüft weitere Möglichkeiten wie Facebook etc.

Aus Sicht eines Unternehmensberater: Die oberste Führungsebene hat Einsicht gezeigt und die Nützlichkeit des Internets erkannt. Spannend ist die Frage, wie diese Einsicht in der mittleren und unteren Ebene umgesetzt werden kann: Der Pfarrer vor Ort wird mit dieser Medienkampagne erstmal wenig anfangen können. Es bedarf Schulungsangebote, die es ermöglichen, dass der Einsatz von Tools wie YouTube, Facebook, StudiVZ im praktischen Alltag geübt wird.

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Obama: Der erste Web 2.0 Präsident?

Sonntag 9. November 2008 von admin

Obama Der Erste Web20 Praesident
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Barack Obamas klarer Sieg bei der Wahl ist wohl auch auf seine geschickte Kampagne im Internet unter Einsatz von Web 2.0 Tools zurückzuführen. In Facebook und Myspace ist es sehr deutlich zu sehen: 80 / 20 ist das Verhältnis von Obamas Kontakten zu denen von McCain. Was sagt diese Zahl aus? Dass Facebook und MySpace User eher pro-Obama eingestellt sind? Sicherlich, das spielt auch eine Rolle, aber dennoch zeigt es auch, wie wichtig das Web 2.0 im Wahlkampf geworden ist.
Laut einer Umfrage von Pew Research haben sich 42% der jugen Amerikaner (18-29 Jahre) im Internet über die Kandidaten informiert. Das Spannende ist, welche Vorteile sich aus der Internetstrategie von Obama ergeben:

  • Spenden über das Internet genieren (während Clinton noch mit herrkömmlichen Spendengalas arbeitete)
  • Supporter im Internet um sich versammeln und koordinieren
  • Obamas Team konnte Aktionen über die Internetplattform my.barackobama.com koordinieren
  • Der entscheidende Faktor, vor allem in Hinblick auf die vielen Kontakte in den Online-Netzwerken (z.B. Facebook, MySpace): Eine kurze Reaktionszeit, d.h. Obama konnte fast ohne Zeitverzögerung auf Aussagen McCains reagieren. Er hatte praktisch seine eigene “Nachrichtenagentur” aufgebaut um die Öffentlichkeit via Internet / Web 2.0 zu erreichen.
  • Transparente Regierungspolitik über change.gov

Was denken Sie? Obama - der erste Web 2.0 Präsident?
Obama ist sich anscheinend auch bewusst, wie sehr ihm das Web 2.0 zum Sieg verholfen hat: Als eine der ersten Maßnahmen nach dem Wahlsieg hat er die Seite change.gov gestartet, mittels derer er die Transparenz seines Change-Programms duch Blogs und andere interaktive Formate gewährleisten will. Interaktive Möglichkeiten regen zum Mitmachen an.

Interessante Links:

  • http://netzpolitik.org/2008/vergleich-obama-kampagne-und-deutscher-internetwahlkampf/#more-6748
  • http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,589059,00.html
  • http://www.fastforwardblog.com/2008/03/05/how-obama-is-using-web-and-enterprise-20-in-the-us-primary-campaign/
  • http://off-the-record.de/2008/11/05/obama-und-der-siegeszug-des-web-20/
  • http://webtrends.about.com/od/web20/a/obama-web.htm

Kategorie: Web2.0, virales Marketing | 4 Kommentare »

Kath. Kirche startet in Second Life

Mittwoch 29. Oktober 2008 von admin

Endlich: Die katholische Kirche ist ab dem 1.11 offiziell in Seond Life vertreten. Das Erzbistum Freiburg wagt den Schritt.

Am 1.11 wird es unter http://slurl.com/secondlife/Arae/228/91/28 von 21-24 Uhr ein Programm geben. Sie werden mich dort als Yoda Shamroy finden. 

Im Rahmen des Projekt “Kirche in virtuellen Welten” vom Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg wird eine eigene kirchliche Präsenz in “Second Life” aufgebaut mit Möglichkeiten zu Begegnung und Gespräch, mit Wortgottesdiensten und Gebetszeiten, mit Bildungs- und Informationsangeboten. Die Professur für Religionspädagogik und Mediendidaktik der Universität Frankfurt ist Kooperationspartner.

Der offizielle Start des Projektes ist am 01.11.2008. Von 21 Uhr bis 24 Uhr wird es auf dem Projektgelände in Second Life ein Programm und Möglichkeit zur Begegnung geben. Alle Interessierten sind auch über diesen Termin hinaus herzlich eingeladen: http://slurl.com/secondlife/Arae/228/91/28 (Wenn Sie Second Life installiert haben und das Programm gestartet haben, kommen Sie durch das Anklicken des Links direkt zum Projektgelände)

Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter http://www.kirche-in-virtuellen-welten.de. In dem Video erhalten Sie einen  audiovisuellen Eindruck des Projektgeländes in Second Life:

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Platon als Vater des Web 2.0 ?!

Freitag 24. Oktober 2008 von admin

Platons Medienkritik

Im Phaidros bringt Platon eine überraschend aktuelle Kritik der Schriftlichkeit. Ein linearer Text ist seiner Auffassung nach kein Wissen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu befragen. Er ist sogar gefährlich, denn der Leser könnte leicht den Eindruck bekommen, er wüsste - tut es aber nicht, da er nicht wie im mündlichen Dialog die Möglichkeit hat, den Geltungsanspruch der Aussagen zu überprüfen.

Der einzige Sinn der Verschriftlichung ist laut Plato die Reaktivierung von bereits Gewußtem. Der Dialog ist also für Platon der primäre Ort der Wissenserzeugung, er ist Philosophie  im eigentlichen Sinne. Der Gegenbegriff zum Philosophen (übsetzt: Freund der Weisheit) ist der des Doxosophen (übersetzt: Schein der Weisheit). Eine immer noch aktuelle Kritik, die viel Zündstoff für den Weiterbildungsmarkt und die (universitäre) Lehre enthält. Es erinnert mich sehr an die sehr bedenkenswerten Thesen, die Richard Gris in seinem neuen Buch “Die Weiterbildungslüge auftstellt. (Hier ein Interview in der Sueddeutschen).

Gut, was hat das mit Web 2.0 zu tun? Nun, Platon dürfte also laut seiner eigenen Theorie auch nichts schreiben - tat er aber. Warum? Nun, Platon hat einen neuen Stil kreiert: Den des dialogischen Schreibens. D.h. im Medium der linearen Schrift war Platon seiner Zeit schon so voraus, dass er seine Schriften als Dialoge niederschrieb. Es sind zwei Gesprächspartner die sich unterhalten, keine lineare Abhandlung. Im Prinzip ist das auch der Übergang, den man im Internet vom Web 1.0 zum Web 2.0 sieht: Erst statische Infomationsseiten, dann im Web 2.0 zunehmend kommunikative Seiten, die Dialog und Austausch ermöglichen.

Ein sehr spannender Artikel zur Vertiefung: http://www.linse.uni-due.de/linse/esel/arbeiten/medienkritik.html 

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Social Software & Web 2.0: Eine Herausforderung

Samstag 4. Oktober 2008 von admin

Im wunderschönen Religionspädagogische Studienzentrum (RPZ) Schönberg fand vom 3.-5.10 die diesjährige Fachtagung der Plattform des religionspädagogischen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (kurz RPI-virtuell) statt. Der Samstag begann mit einem hochkarätig besetzen Podium mit Dr. Andreas Mertin, Prof. Baumgartner und Prof. Trocholepczy.

Begleitet wurde die Tagung mit einem Wiki, in dem Materialien abrufbar sind, unter anderem ein Vortrag von Prof. Baumgartner zum Thema “Social Software & Web 2.0: Eine Herausforderung für soziale Lernprozesse”.

In seinem Vortrag reagierte Baumgartner auf die Frage nach der Qualität von online-kooperativ erstellten Inhalten mit der Feststellung, dass es eigentlich keine guten oder schlechten Inhalte gibt. Auch ein schlechter Wikipedia Artikel bspw. gibt im schulischen Umfeld Anlass, ihn besser zu schreiben. In dieser Sichtweise sind Inhalte immer prinzipiell zu bearbeitende. Inhalte sind weniger statische Konstrukte sondern gleichen eher offenen Prozessen.

Fünf Elemente von Social Software und Web 2.0 macht Baumgartner aus:

  1. Massenhafte Kooperation
    Es begann mit der Empfehlungsfunktion von amazon: “Wer dieses Buch gekauft hat, kaufte auch …”. Web 2.0 meint in dieser Sichtweise, dass nicht mehr Inhalte über Hyperlinks mit Inhalten verknüpft werden (Web 1.0) sondern Menschen werden mit Menschen verknüpft. Zwar ist dies bei der amazon Empfehlungsfunktion noch nicht der Fall (sie stammt ja auch aus dem Jahr 1997) - dafür zeigte Baumgartner aber andere Beispiele, wie Z.B. XING, citeulike.org, digg.com, library thing
    Früher, vor allem zu Zeiten der Gatekeeper Medien, galt das Prinzip: Erst filtern, dann publizieren. Zu Zeiten des Web 2.0 gilt der Grundsatz: Erst publizieren, dann filtern. Dabei betont Baumgartner die Weisheit der Masse (wisdom of the croud, Schwarmintelligenz, etc.). Digg.com führt er als ein Beispiel an, wie Inhalte erstellt und in einem zweiten Schritt dann von einer Community bewertet werden. In meinen Augen ist dies eine der interessantesten Entwicklungen: Zu sehen auch im Bereich Social Bookmarking, wie etwa bei Mister Wong: Hier wird eine Seite als gut bewertet, wenn möglichst viele Nutzer diese in Ihren öffentlich zugänglichen Bookmarks (=Social Bookmarks) führen. Wichtiger Nebeneffekt ist, dass Google solche Seiten sehr hoch im Ranking listet. Waren es früher zunehmend Wikipedia Seiten, die Google unter den ersten Treffern listet, sind es zunehmend Blogseiten und Social-Bookmarking Seiten, vor allem Mister Wong.
  2. Peer Production
    Im Prinzip ein alter Traum vieler Unternehmen: Die potentiellen Käufer entwickeln das Produkt mit. So etwa bei Lego unter http://factory.lego.com/. Hier kann der Kunde sein eigenes Legoprodukt kreieren und passend dazu online die Steine bestellen. Lego behält sich die neue Kreation als mögliches Modell für den Markt vor.
  3. Open Culture
    http://openwetware.org/wiki/Main_Page
  4. Sharing Cultures
    “Ein Professor teilt lieber seine Zahnbürste mit einem Kollegen als seinen Content” zitierte Baumgartner eine geläufige Redewendung. Dementgegen tritt Baumgartnerfür eine Kultur des Teilens von Inhalten  ein, wie etwa unter der Website des Projektes Open Educational Ressources http://www.oercommons.org/ (Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier: www.e-teaching.org/didaktik/recherche/oer/
  5. Acting globally
    Als Beispiel führte Baumgartner das Boeing 787 Vorgehen an: www.boeing.com/commercial/787family

Da der Netzwerkgedanke für das Web 2.0 entscheidend ist, waren einige Hinweise Baumgartners in Bezug auf das Communitybuilding aufschlussreich:
Der soziologische Reiz einer Community besteht darin, dass ich über die Kontakte meiner Kontakte eine höhere Informationsdichte erreiche, da mein enger Bekanntenkreis doch meist über einen ähnlichen Informationsstand verfügt. Die Formel dafür lautet, dass mit abnehmender Bekanntheit eines Individuums in einem Netzwerk die Informationsdichte zunimmt.
Ganz konkret ergeben sich für das Communitybuilding (aber auch für den Einsatz von e-teaching Elementen in Lernprozessen) folgende Konsequenzen:

  • Es muss ein Versprechen an den Nutzer gemacht und kommuniziert werden.
  • Der Mehrwert (Nutzen) darf nicht in der Zukunft eingelöst werden.
  • Es darf keine Hürden und keine Zäsur geben. (interessant in diesem Zusammenhang: Die Aussage, dass bei Wikipedia durch die Anmeldung der Vandalismus nicht weniger wurde gegenüber dem Zustand, dass auch nicht angemeldete Nutzer Inhalte verändern können)
  • Jeder neue Nutzer muss (individuell) begrüßt werden.
  • Es bedarf einer stilbildenden Kultur.
  • Es gibt keine Fehler die ein Nutzer machen kann.

Im Rückgriff auf Hippner (in: HMD - Praxis der Wirtschaftsinformatik, 43. Jg. (2006) No. 252, S.6-16) sind 6 Prinzipien von social software erkennbar:

  • Das Individuum bzw. die Gruppe steht im Mittelpunkt.
  • die Netze organisieren sich selbst (bottum up Struktur).
  • soziale Rückkoppplung, z.B. in Form von Bewertungen ist von großer Bedeutung (Social Feedback).
  • der Fokus liegt auf der Struktur der Information und nicht auf der Information selbst.
  • die Kommunikation des Individuums mit der Gruppe steht im Vordergrund (keine “one-to-one, sondern “one-to-many” oder “many-to-many” Kommunikation).
  • die Beziehungen der Personen untereinander werden sichtbar gemacht [ Diesen Punkt halte ich für den entscheidenden].

Aus den gesamten Podiumsbeiträgen, den Diskussionen und dem Referat von Prof. Baumgartner erscheinen mir die Mehrwerte von Social Software und Web 2.0 im Bereich Lernen:

  • Ermöglichen eines selbstregulierten Lernens - Stärken der Eigenverantwortung
  • Schnellere Aktivierung via Internet
  • Wandel von einer Bring- zur Holschuld
  • Soziales Kooperatives Arbeiten einüben und dadurch Soft Skills lernen
  • Öffnung der abgeschotteten Lernraums gegenüber der Öffentlichkeit und Stakeholdern
  • Transparenz des Lernvorganges / Prozesses nach außen
  • Motivation der Lernenden mittels des Einsatzes von neuen Tools
  • Stärkung der medialen Kompetenz
  • Sprachfähig zu machen und Selbstmitteilung ermöglichen

Social Software und Web 2.0: Eine Herausforderung für die Kirche!

Ein Artikel von Prof. Baumgartner zu dem Thema: http://peter.baumgartner.name/article-de/social-software_copers.pdf

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Barack Obama, das Internet und Netz-Neutralität

Mittwoch 24. September 2008 von admin


Nach einer langen Sommerpause geht dieser Blog nun in den stürmischen Herbst. Beginnen wir einmal mit dem US-Wahlkampf - aus Sichtweise der Netzinkulturation. Dieses Jahr sprach ich im Rahmen der Tagung “Internetökonomie und Ethik” im Franz Hitze Haus in Münster.

Während der Vorbereitung meines Tagungsbeitrages fiel mir damals auf, dass das brennenste Thema in Bezug auf Internet und Ethik die Netz-Neutralität* (engl. net-neutrality) ist.

Kurz gesagt meint das Prinzip der Netzneutralität, dass die Inhalte des Netzes universal zugänglich sind, dass es also keine unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten für unterschiedliche Inhalte oder unterschiedliche Anbieter von Inhalten im Internet gibt. Der Erfinder des WWW, Tim Berners Lee, nennt dieses fundamentale Prinzip des Internets die “Universalität“.

Und genau dafür steht Barack Obama ein. Es ist gut, dass Obama dieses Thema im Wahlkampf bringt, denn das Internet ist als ganzes ein sehr junges, ein sehr gefährdetes Medium. Hoffen wir, das Obama gewinnt:

*Was ist Netz-Neutralität:

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Second Life - wissenschaftlich erforscht (Serie Religion in Second Life : Teil 3)

Sonntag 22. Juni 2008 von admin


„Ein Bedarf an religiösen Angeboten ist nicht zu bezweifeln”

Ein inworld* Interview über Religiosität in Second Life (SL), den Ernst digitaler Hochzeiten und die Frage nach dem First Life.

Simone Heidbrink
ist Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg und forscht am Projekt „Ritualinnovationen der “Emerging Church” / “Alternative Worship”- Bewegung” www.sl-research.de


Kerstin Radde-Antweiler
ist Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg und forscht am Projekt „”Wedding Design” Online: “Alte” Rituale in “neuen” Welten” www.sl-research.de


Liebe Frau Heidbrink, Liebe Frau Radde-Antweiler, Sie beobachten Religiöse Rituale und Gruppierungen in SL über einen langen Zeitraum- entstehen neue Rituale in SL?

Heidbrink: Allgemein gesprochen sind die Gottesdienste in Second Life stark den Gottesdiensten im “first life” nachempfunden. Adaptionen und Transferprozesse sehen wir hauptsächlich dort, wo es - aufgrund der medialen Gegebenheiten - zwingend notwendig ist, diese vorzunehmen. Sicherlich finden wir Kirchengebäude etc., die sich von den Gegebenheiten im “first life” unterscheiden und die Möglichkeiten des neuen Mediums werden durchaus ausgeschöpft. Dennoch hat es den Anschein, dass bislang wenig an den vertrauten Formen geändert wird. Auch in anderen Bereichen von Religiosität im Internet, die wir am Institut für Religionswissenschaft der Uni Heidelberg schon seit einiger Zeit untersuchen, findet man bislang vorwiegend das Phänomen, dass die Gegebenheiten der physischen Welt im Netz eher nachgebildet werden, als komplett neue Formen zu kreieren, was das Medium ja durchaus erlauben würde. Meist handelt es sich um kleinere Adaptionen. Einer der Gründe könnte sein, dass Religion, insbesondere religiöse Rituale in einer solch neuen, weitgehend unbekannten “Welt” nur dann als solche erkannt werden, wenn vertraute und konstante Elemente vorkommen. Ob es irgendwann genuin “neue” Rituale in virtuellen Welten geben wird, wird die Zukunft zeigen. Ich bin gespannt.
Radde-Antweiler: Das eigentlich Interessante bei der Analyse der Hochzeiten war die überraschende Tatsache, dass die Rituale sehr traditionell und wenig innovativ waren. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass die Wiederkennung der Rituale im Vordergrund steht

Es gibt auch Moscheen online - Wie schätzen Sie die Entwicklung in: Nehmen die religiösen Angebote zu?

Radde-Antweiler: Oh, es herrscht eine große Vielfalt in SL was religiöse Gebäude, Angebote wie Rituale o.ä. betrifft, beinahe jeder religiöse Gruppierung ist hier vertreten. Der Heiratsmarkt ist dabei - auch wohl aufgrund der Medienberichte - natürlich derzeit am boomen…

… und diese religiösen Angebote, werden die von den Nutzern auch angenommen und können sie etwas zu der Motivation der Menschen sagen, digitale Gottesdienste zu feiern?

Radde-Antweiler: Ich kann natürlich nur empirisch belegte Aussagen über die Hochzeitsrituale sagen, die auch zu meiner Überraschung von rund 80% sehr ernst genommen werden. Auch wenn die religiösen Intentionen eher im Hintergrund stehen - recht ähnlich dem offline-Bereich - stellt die Hochzeit ein ernstes und wohl überlegtes Ereignis/Ritual im Leben der SL-Residents dar.
Heidbrink: Ich glaube, wir haben alle genau diese Beobachtung in unseren Forschungen in SL gemacht: Für die Menschen ist SL kein Spiel, sondern eine soziale Interaktionsplattform, die sie durchaus sehr ernst nehmen.
Radde-Antweiler: Interessant war auch die Tatsache, dass rund 60% der Hochzeitspaare auch in real life verheiratet oder liierte waren. Gerade die Definition als Spiel oder soziale Plattform/ LifeSims hat innerhalb von Second Life viele Diskussionen ausgelöst.
Heidbrink: Auch in Forscherkreisen ist nicht ganz klar, wie genau SL zu definieren ist. Da es nicht, wie bei einem Online-Spiel, ein definiertes Spielziel gibt, muss sich jeder Nutzer selbst Gedanken machen, was er von SL erwartet.
Radde-Antweiler: Viele Benutzer treffen aufgrund der Zuschreibung als soziale Online-Community auch nicht mehr die Unterscheidung reale versus virtuelle (und damit meist als nicht-reale ab klassifiziert) Welt, sondern first und second life, um zu verdeutlichen, dass es zwei Aspekte und Plattformen eines Lebens sind..

eines realen Lebens, vor dem man ins Second Life flüchtet?

Heidbrink: Ich denke, gerade die Unterscheidung “first” und “second life”, also nicht zwischen “real” und “second life” widerspricht der Idee der Realitätsflucht. Oft wird auch unterstellt, Nutzer von Online-Welten seien sozial isolierte, gestörte Individuen, die in der “Wirklichkeit” nicht zurecht kommen und sich deshalb in die Virtualität flüchten.
Radde-Antweiler: Hmm, da hängt natürlich sehr viel an der Definition “Realität”. Aber wie von meiner Kollegin bereits erwähnt wird SL als ein Aspekt der Realität gesehen, weswegen auch viele Sachen mit einer großen Ernsthaftigkeit betrieben werden.

Gibt es Studien zu dem Themenfeld Realitätsflucht?

Heidbrink: Quantitave Studien vor allem im Game-Bereich haben ergeben, dass Menschen, die im Netz mit vielen anderen Menschen interagieren, im “first life” keineswegs - wie das Vorurteil oft besagt - sozial isoliert seien, sondern im Gegenteil auch in der physischen Welt äußerst kommunikativ sind und üblicherweise ein reiches soziales Leben führen. Diese Forschung dürfte eher dafür sprechen, dass SL sozial vernetzt und nicht isoliert
Radde-Antweiler: Wie auch im normalen Game-Bereich gibt es sicherlich Gefahren hinsichtlich Sucht-Verhaltens, dies aber auf die Mehrheit dieser Community zu beziehen wäre sicherlich falsch und unzutreffend.

Können Sie sagen, wer hinter den religiösen Angeboten steht?

Heidbrink: Bislang stehen hinter diesen Angeboten vorwiegend private Initiativen, im deutschsprachigen Raum gibt es so gut wie keine Angebote, obwohl die deutschsprachige Community neben der englischsprachigen zu den größten Gruppen in Second Life zählt. Man kann jedoch sagen: Institutionelle Initiativen, wie z.B. die Initiative des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsens zusammen mit dem christlichen Event-Center Expowal, die eine Niederlassung in Second Life gegründet haben, in der seit Ende 2007 ein (real-life-)Pastor regelmäßige Sprechstunden abhält, sind eher die Seltenheit (Anmerk. des Interviewers: Den besagten Pfarrer, Heino Masemann, haben wir ebenfalls interviewt: Link)
Radde-Antweiler: Sie haben Kirchen, die z.B. von Mormonen-Gemeinden aus den USA betrieben werden, aber auch Kirchen Moscheen usw., die von Einzelpersonen gebaut wurden

und speziell im christlichen Bereich?

Heidbrink: Es gibt viele kleinere Gemeinden insbesondere aus dem US-amerikanischen Raum, deren Gründer sich als Geistliche bezeichnen. Allerdings ist es für uns als Forscher schwer zu beurteilen, inwieweit es sich tatsächlich um Theologen handelt, da wir bislang ausschließlich Forschung innerhalb von Second Life durchgeführt haben. Der Abgleich mit dem “first life” fehlt uns, weshalb wir die real-life-Identitäten der in SL untersuchten Personen oft nicht zweifelsfrei feststellen konnten.
Radde-Antweiler: Aber auch ganz unabhängig von den religiösen Gebäuden finden Sie eine Unmenge an christlich zu verortenden Gruppen.

gibt es offizielle Projekte der katholischen Kirche?

Radde-Antweiler: In diesem Bereich ist mir nichts bekannt, nur das Beispiel eines Vikars, der aber gerade nicht hier offiziell als katholischer Vertreter auftaucht, da ihm dies untersagt wurde- natürlich nur laut seinen Aussagen.
Heidbrink: Es gibt zwar Kirchengebäude, die katholischen Kirchen nachempfunden wurden, jedoch finden dort meines Wissens nach keine katholischen Gottesdienste statt.

Sehen Sie eine Möglichkeit für die Kirche diese religiösen Tendenzen in SL aufzugreifen, dort präsent zu sein?

Heidbrink: Offensichtlich gibt es auch innerhalb von virtuellen Welten den Bedarf an religiösen Angeboten, wie die religiöse Topographie von Second Life zweifelsfrei zeigen dürfte. Bislang stehen hinter diesen Angeboten vorwiegend private Initiativen, im deutschsprachigen Raum gibt es so gut wie keine Angebote, obwohl die deutschsprachige Community neben der englischsprachigen zu den größten Gruppen in Second Life zählt. Die strategische Frage, die sich meiner Ansicht nach die institutionellen Kirchen in Deutschland stellen müssten: Inwieweit werden auf kurz oder lang andere (private Initiativen, deutschsprachige Zweige der US-amerikanischen Cyberchurches, …) einspringen, die (potentielle) Lücke eines deutschsprachigen religiösen Angebots in Second Life zu füllen?

Wie ist ihr Eindruck: Ein offizielles Angebot der katholischen Kirche in SL, wie würde das von den Residents angenommen?

Radde-Antweiler: Bezüglich der letzten Frage - es ist natürlich schwierig, Prognosen aufzustellen, aber die Residents sind meines Wissens sehr offen religiösen Angeboten gegenüber. Ich glaube, wie auch schon im “normalen WWW” zu beobachten ist, werden religiöse Angebote hier sehr gut angenommen und es wird für eine Kirche des 21.Jhd dann sehr schwierig, sich da nicht einzubringen.
Heidbrink: Ich kann hier nur spekulieren, aber ich denke, bestimmt wären solche Menschen, die die modernen Kommunikationsmedien völlig selbstverständlich nutzen und im Netz einkaufen, sich Rat und Wissen einholen und ihre Freundschaften pflegen, auch offen für religiöse Angebote der Kirchen.
Radde-Antweiler: Dabei wird es natürlich schwierig sein - um im katholischen Bereich zu bleiben - inwieweit das Sakramentsverständnis sich für den virtuellen Bereich “eignet” oder dem eher hinderlich ist.
Heidbrink: Richtig. Ein Gespräch mit dem Internetbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschlands, Ralf Peter Reimann, ergab, dass sich institutionelle Organisationen besonders schwer tun, sich in der virtuellen Welt von Second Life zu verorten. Dabei spielen nicht nur theologische (wie das Problem der Sakramente), sondern wohl vor allem auch administrative Hürden eine Rolle.

Denken Sie, wenn die Kirche hier nicht präsent ist, wird der religiöse Markt von anderen Anbietern “bedient”?

Heidbrink: Es ist nicht auszuschließen. Im US-amerikanischen Raum wird sehr viel offensiver mit dem Thema umgegangen. Dort werden offenbar schon Strategien entwickelt, wie “Internet Ministry” (auch, aber nicht nur, in SL) am besten durchzuführen ist. So ist beispielsweise auf der christlichen Plattform “Internet Evangelism Day” (http://ied.gospelcom.net/index.php) nachzulesen, wie Evangelisierungsstrategien wie “attractional evangelism” und “incarnational evangelism” auf den virtuellen Raum von Second Life angepasst werden können.

Das heißt, in den Emerging Churches werden schon regelrechte Strategien zum Einsatz von SL diskutiert, während hier in Deutschland das Phänomen kirchlicherseits noch wenig beachtet wird?

Heidbrink: Die zögerliche Nutzung medialer Angebote von Seiten kirchlicher Institutionen hat vermutlich eine lange Geschichte, wenn man sich z.B. an die Debatten, die es vor Jahren um die Durchführung und Ausstrahlung der ersten Fernsehgottesdienste gab, erinnert.
Radde-Antweiler: Lieder muss ich mich an dieser Stelle verabschieden. Falls Sie noch weitere Fragen haben, können Sie mich aber gerne kontaktieren. Ich kann Ihnen auch gerne 2 Artikel von mir bezüglich einer religiösen Topographie und den Wedding Rituals zumailen, damit Sie vielleicht einen besseren Einblick in unsere Forschungen bekommen.

An dieser Stelle hat sich Frau Radde-Antweiler wegen eines wichtigen Termins im RL (realen Leben) verabschieden müssen. Danke für das Gespräch.

Heidbrink: In den Emerging Churches wird meines Wissens nach bislang nicht in virtuellen Welten experimentiert, auch wenn die Gruppen und Individuen, die sich zur Emerging Church rechnen, sehr innovativ mit den neuen Medien umgehen. So wird oft - in Anlehnung an das sog. “Web 2.0″ - die Emerging Church als “Church 2.0″ bezeichnet. Die Mediennutzung der Emerging Church geht generell mehr in Richtung “klassischer” Web 2.0-Anwendungen wie Weblogs und Podcasts. Ich kenne bislang nur einen Ort in SL, wo der Bezug auf “Alternative Worship” einen Zusammenhang mit Emerging Church impliziert … Und da ist nicht übermäßig viel los.

Ist Religion in SL ist ein Phänomen, das an Bedeutung gewinnt?

Heidbrink: Ich bin nicht sicher, ob man tatsächlich sagen kann, dass Religion derzeit in SL an Bedeutung gewinnt. Ich denke aber, es ist signifikant, dass in einer Welt, die sich Nutzer so gestalten können, wie sie möchten … also eine Art “ideale Welt”, vielleicht sogar ein “Paradies”(?) — Religion doch eine Rolle zu spielen scheint! Anscheinend ist Religion, aller Säkularisierungsthesen zum Trotz, nach wie vor ein als wichtig empfundener Bestandteil des Lebens. So ist es wohl nur konsequent, dies auch ins “zweite Leben” zu übertragen.

Können Sie etwas sagen über die Nutzer sagen?

Wie bereits erwähnt, kann ich in vielem nur spekulieren. Man kann wohl recht sicher davon ausgehen, dass die SL “Residents” technisch sehr aufgeschlossen sind und viele von ihnen in diesem Bereich sicherlich zu den “early adopters” gehören. Ich meine, gelesen zu haben, dass die meisten von ihnen bereits andere Wege und Angebote der computergestützten Kommunikation genutzt haben und das halte ich auch für eine plausible Annahme. Insofern sind solche Menschen, für die Internetnutzung eine Selbstverständlichkeit ist, auch offen für religiöse Angebote im Netz bzw. in virtuellen Welten.

Wird SL in 2 Jahren noch existieren?

Heidbrink: Dafür fehlt mir leider die Kompetenz. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Internetapplikationen in den letzten Jahren stark an Bedeutung zugenommen haben. Ich persönlich würde vermuten, dass - mit dem technischen Fortschritt - möglicherweise weitere, noch ausgefeilte Anwendungen auftauchen werden. Aber wer kann schon sagen, was kommt? Wer hätte vor 5 Jahren angenommen, dass wir heute mithilfe von Avataren und durch einen dreidimensionalen virtuellen Raum bewegen würden?

Vielen Dank für das Interview!
(*inworld Interview: Das Interview wurde auf einer Frühlingswiese vor einer barocken Kirche in Second Life geführt. Der Interviewer war Jürgen Pelzer)

Weitere Informationen: www.sl-research.de

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Ein echter Pfarrer in SL (Serie Religion in Second Life - Teil 2)

Samstag 7. Juni 2008 von admin

„… wo Menschen lieben, leiden und leben“

Ein Interview mit Heino Masemann, Seelsorger in Second Life, über die Schutzfunktion der digitalen Maskerade, das Gut „Vertrauen“ und die Vorteile computerbasierter Kommunikation für die Seelsorge.

Heino Masemann, Jahrgang 1961, ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und betreut in Second Life ein seelsorgliches Gesprächsangebot innerhalb des Projektes Expowal – eine unglaubliche Kirche in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen (ekn). Er arbeitet als Geschäftsführer des Landesvereins für Innere Mission und ist Buchautor.

Lieber Herr Masemann, als Pfarrer bieten Sie seit Oktober 2007 jeden Mittwoch von 22.00 – 23.00 Uhr in Second Life (SL) die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Ihnen als Seelsorger. Wie wird dieses Angebot angenommen und wen erreichen Sie damit?

„Das Angebot wird gut angenommen. Wir erreichen diejenigen Personen, die bereits in Second Life drin sind und es nutzen. Wir haben im Vorfeld eine gute PR-Arbeit für dieses Angebot gemacht in Form von Pressemeldungen und eine Kooperation mit dem erfolgreichen Privatsender radio ffn. Das lief über den Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen. Die meiste Aufmerksamkeit haben aber wir aber über SL-interne Kanäle erreicht, etwa in Form von Nachrichten oder aber durch Mund-zu-Mund Propaganda der SL-Nutzer innerhalb verschiedener Gruppen. Jemand der noch kein Second Life genutzt hat wird aufgrund einer Nachricht nicht plötzlich zum SL Nutzer.“

Und was sind das für Menschen, die Sie mit Ihrem Angebot erreichen?

„Die ganze Bandbreite: Lehrer, Gelegenheitsarbeiter, Studenten, Schüler, Schichtarbeiter, Technikbegeisterte, kurzum ein sehr gemischtes Publikum aller Bildungsschichten. Da kommen eben auch Leute, die mit Kirche eigentlich nichts zu tun haben. Die hören das da plötzlich ein echter Pfarrer ist und sagen sich ´Da gehen wir mal hin´. Oft sind es auch Menschen, die schon andere religiöse Angebote in Second Life erkundet haben. “

Aber es sind Menschen die sich hinter Masken verstecken? „Der digitale Maskenball“ – so lautet die Überschrift eines großen Spiegelartikels zu SL…

„Es ist ein absolutes Maskenspiel. Oftmals erhält man auf die Frage „und was machst du sonst?“ die Antwort: „Ich möchte nicht über mein reales Leben (RL) sprechen.“ Ein Avatar in Second Life sagte mir auf die Frage warum er hier sei: „Weil ich hier keine Vergangenheit habe und nicht schon von vorneherein in Kategorien eingeordnet werde!“ Die Maskerade ist positiv wie negativ.“

Was bedeutet das für Seelsorge in SL?

„Die Maske ist ein Schutz. Die Nutzer können herauslassen, was in Ihnen ist. Sie können ehrlich sein, zu sich und zum Seelsorger, weil es keinen Gesichtsverlust gibt. Seelsorge basiert auf Freundschaft, Freundschaft auf Vertrauen. Vertrauen öffnet den Menschen…“

… der dazu neigt, in die virtuelle Welt zu fliehen? Sie sprachen ja eben über die negativen Seiten der Maskerade.

„SL ist in gewisser Weise für manche ein Fluchtraum, der aber Begegnung ermöglicht. Wir kennen das Phänomen von Spielen, wo Menschen in die Einsamkeit flüchten. Hier bei Second Life aber können wir die Menschen in Ihrer Einsamkeit erreichen und diese aufbrechen. Es gibt keinen besseren Ort, um Menschen in Ihrer Einsamkeit zu erreichen. Das ist was ganz, ganz Großes. Es ist auch ein Stück weit widersprüchlich, denn die Menschen suchen die Orte in Second Life auf, wo etwas los ist, wo Begegnung ermöglicht wird, während sie alleine zuhause vor dem PC sitzen“

Wenn es zu dieser Begegnung in SL zwischen Ihnen als Seelsorger und einem zunächst Unbekannten kommt, ist das reale Leben dann ein Thema?

„Das reale Leben anzusprechen ist problematisch. Als Seelsorger ist es die große Versuchung, aber die Dynamik von SL und von Seelsorge in SL liegt darin, dass Gegenüber selbst entscheiden und kommen zu lassen mit dem Bezug zum realen Leben.“

Untersuchungen belegen, dass computerbasierte Kommunikation dazu drängt immer persönlicher zu werden (Link: Dr. Tilo Hartmann im Interview), und Personen dazu neigen, Ihre Anonymität peu a peu aufzugeben…

„… in dem Maße wie Vertrauen vorhanden ist. Das kann ich aus meiner Arbeit bestätigen.“

Und was ist für Ihre Arbeit in Second Life als 3D-Welt besonders schwierig?

„ Die Unterhaltungen sind sehr mühsam zu führen. Ich musste am Beginn erst einmal die Chat-Sprache lernen. Aber auch viele Nutzer tun sich mit dem Schreiben generell schwer, deshalb ist es sehr hilfreich, dass es mittlerweile Voice Chat* in SL gibt.“

Die Kirche folgt mit Ihrer Präsenz in Second Life doch nur einem Trend?

„Das ist zu kurz gegriffen. Zum einen ist es sinnvoll, dass wir als große Kirchen vertreten sind, da sonst andere die religiösen Angebote in SL machen. Zum anderen hat Kirche immer dort zu sein, wo Menschen lieben, leiden und leben. Jesus hat das vorgelebt. Und so besagt der Verkündigungsauftrag, in alle Dörfer und Städte zu gehen. Und Second Life ist eine Stadt. Außerdem hat die Kirche dies immer getan: Nach dem Krieg, als man versuchte in jedem neuen Stadtteil möglichst eine Kirche zu bauen, hätte auch niemand gesagt, dass die Kirche einem Trend folgt.

Wie lange wird das Projekt denn noch laufen?

„Wir haben keine feste Laufzeit, wir probieren das einfach aus. Wir wollen die Fragenden und Suchenden erreichen und das tun wir mit unserem Angebot, darum passt das auch – wie sich SL entwickeln wird kann ich allerdings nicht einschätzen, da es sehr dynamisch ist.“

Vielen Dank für dieses spannende Interview. Das Interview führte Jürgen Pelzer.

* Voice Chat meint die Technologie, mittels derer sich die Avatare untereinander durch ein an den PC angeschlossenes Mikrofon und Lautpsrecher/Kopfhörer unterhalten können. Texte müssen nun nicht mehr wie im normalen Chat eingetippt werden, sondern können direkt gesprochen werden und von den anderen Avataren live gehört werden.

Weitere Infos: http://www.expowal.de/
Die SLURL zum Artikel: http://slurl.com/secondlife/Altstadt/240/220/24/

Kategorie: Second Life (3D), Seelsorge | 2 Kommentare »