Mehr Leitkultur als Leitmedium?

Freitag 9. November 2012 von

Poesie beschreibt die Bedeutung des Netzes: Das neue Funkkolleg des hr eröffnete am 3. Nov. 2012 das Thema „Wirklichkeit 2.0“ mit der ersten Sendung „Leitmedium Internet“. Ein toller Auftakt. Ein Kommentar dazu als Teilnehmer des Offenen Online Kurses:

Handelt es sich beim Internet um ein neues Leitmedium? Ja, und bereits in der Sendung wird deutlich, es ist noch mehr: eine neue Kultur, die vielfach noch unerkannt ist, aber dauerhaft durchaus das Potential enthält, zu einer Leitkultur zu werden, welche die Art und Weise unserer Zusammenarbeit, der Kommunikation und jenes seltsamen Konstrukts, das wir Gesellschaft nennen, verändert – ein schleichender Prozess.

Vielfach werden Studien zum Nutzerverhalten zitiert, geht es doch darum, faktisch zu belegen und zu bemessen, wie denn nun das Nutzerverhalten sei. Doch wer sollte es treffender ausdrücken als ein Dichter? Unter Verwendung einer Sprache die tiefer geht als reine Zahlenanalyse schrieb Anfang 2012 der polnische Dichter Piotr Czerski einen vielbeachteten Artikel in der Zeit (http://www.zeit.de/digital/internet/2012-02/wir-die-netz-kinder), aus dem der Kerngedanke der neuen Leitkultur Internet zitiert sei:

„Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Wir sind im Internet aufgewachsen, deshalb denken wir anders.“

Das Internet verändert die Lebenswelt. Es ist mehr als ein Medium, wie der Dichter weiß:

„Das Internet ist für uns keine Technologie, deren Beherrschung wir erlernen mussten und die wir irgendwie verinnerlicht haben. Das Netz ist ein fortlaufender Prozess, der sich vor unseren Augen beständig verändert, mit uns und durch uns. „

Schnell hatte sich dafür der Begriff der „Digital Natives“ gefunden, den Marc Pensky sozusagen erfand. Er macht den Generationsschnitt ungefähr 1980 (+/-) fest. Die digital immigrants müssen die neue Technik und Kultur des Internets allerdings noch erlernen. Nun hat man schon ein grobes Raster zur Einteilung. Johannes Gauck ist es gelungen ebenfalls Anfang 2012 eine sehr fundierte Studie zum Internet-Nutzungsverhalten zu machen. Anders als Studien, die z.B. jeden Internetnutzer als Online bezeichnen, der einmal in der Woche privat online geht, führt Gauck noch eine dritte Kategorie ein, die gar nicht mal so unbedeutend ist: Die der Offliner.

Wohlgemerkt, diese gab es schon vorher, und andere Studien nennen sie ebenfalls, jedoch macht Gauck in seiner Studie einen erheblich größeren Anteil an Offlinern in Deutschland aus. In dieser Studie, der DIVSI Studie 2012 (https://www.divsi.de/divsi-milieu-studie), würde jemand, der einmal in der Woche online geht um z.B. Mails abzurufen nicht als Onliner zählen wie in anderen Studien. Warum? Der entscheidende Ansatz der DIVSI Studie beruht auf der Arbeit des Sinus Institutes und der Sinus Studien. Die DIVSI Studie macht die mentale Einstellung, die Frage, ob man das Internet lebt – oder nur nutzt (wenn diese Vereinfachung hier einfach einmal gestattet sei)  sehr genau in den zehn Milieus in Deutschland fest. (siehe DIVSI Studie). Viel deckt sich mit Prenskys Altersvermutung, aber eben nicht alles. DIVSI erklärt, warum es unter den jungen Nutzern, den digital natives Verweigerer gibt und unter den alten Hasen, den immigrants, so viele Heavy-User.

Aber interessanterweise entstehen auch in anderen Milieus, vor allem dem sozial-ökologischen, klar definiertes bewusstes Ablehnungsverhalten gegen die Möglichkeiten des Web 2.0 / Social Media. Zwar nutzt man in dieser Mentalität der digital Outsiders schon mal das Netz und mailt und kauft auch mal auf Ebay, aber man braucht das Netz nicht zum Leben.

Kurzum: Wer sich für die Internet-Mentalitäten interessiert, findet in der DIVSI Studie und der Sinus Verbraucheranalyse 2011 (VA 2011 – Mediennutzung) das beste zur Zeit erhältliche Material zur Lage in Deutschland. Dort erfährt man auch, dass beispielsweise das Milieu der Expeditativen mit 64% Facebooknutzern am aktivsten ist, während z.B. die Bürgerliche Mitte und die Traditionellen als Milieu in der Facebooknutzung unter 1o% liegen.

Der Dichter sei zum Abschluss nochmals zitiert – in einer Aussage, die in ihrer tiefgreifenden Beschreibung eines Wandels von Kultur, bedenkens-wert ist:

„Die Teilnahme am kulturellen Leben ist für uns keine Beschäftigung für den Feiertag. Die globale Kultur ist der Sockel unserer Identität, wichtiger für unser Selbstverständnis als Traditionen, die Geschichten unserer Ahnen, sozialer Status, die Herkunft oder sogar unsere Sprache.“

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 9. November 2012 um 17:21 und abgelegt unter Allgemein, Nutzungsverhalten. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

2 Kommentare über “Mehr Leitkultur als Leitmedium?”

  1. Jochen Robes schrieb:

    Vielleicht könnte man den Artikel noch mit “fkmedien” taggen, dann würde er (wenn gewünscht) auch im Kursblog des Funkkollegs angezeigt …
    Gruß, JR

  2. Andrea Mayer-Edoloeyi schrieb:

    Schön, dass Du wieder mal was bloggst, Jürgen! Noch dazu mit zwei Verweisen, die auch auch sehr liebe: Czerski und DIVSI.
    Die Eingangsfrage mit dem Leitmedium Internet finde ich interessant. Natürlich würde ich da sofort intuitiv ja sagen. Aber beim zweiten Hinschauen ist dabei natürlich die Frage für wen und welche Wahrnehmung gesellschaftlicher Machtstrukturen stecken dahinter. Denn auch ohne die digitalen Medien zu verdammen, lässt sich fragen, wer verliert dabei und wer gewinnt. Und was können wir dazu beitragen?

Kommentar schreiben