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Eine kirchliche Internetstrategie auf Basis der Charismen

Donnerstag 18. März 2010 von admin

Charismen im Internet
Eine spirituell-theologische Grundlegung einer kirchlichen Internetstrategie

[Der Artikel als PDF Datei]
[Die Powerpointpräsentation der Tagung Kirche im Web 2.0 - März 2010]

kirche20.jpgWelche Möglichkeiten bietet das Internet der Kirche? Diese Frage leitet mich in meiner Arbeit. Nach einem ersten Vortrag mit positiver, anregender Resonanz im KSI in Bad Honnef im Januar 2010 habe ich meine Charisma-orientierte  kirchliche Internetstrategie einmal etwas ausgefaltet, in der Akademie Stuttgart im März 2010 zur Diskussion gestellt, und will Sie hier in der aktuellen Version öffentlich zur Diskussion anregend zur Verfügung stellen. Ganz dem phänomenologischen Ansatz verbunden in drei Schritten: Sehen – Urteilen – Handeln. Kern dieser Strategie ist es, nicht mehr im klassischen Sender-Empfänger Modell zu denken. Es geht also nicht um die Frage, wie erreichen wir wen über das Internet mit welcher Botschaft, sondern zu schauen, wo im Internet bereits Aktivitäten sind, und diese dann gezielt zu unterstützen. Diese Unterstützung kann in verschiedenen Formen geschehen: Es geht darum zu schauen, wo bereits Energien im Internet sind und diese zu unterstützten. Die Aufgabe der kirchlichen Internetstrategie besteht in diesem Modell primär im Unterstützen:

Sehen wir die Fakten:

·         Soziale Netzwerke als Killer-Applikation des Netzes:
Jugendliche und junge Erwachsene nutzen das Internet sehr häufig – ca. 1-2 Stunden täglich. Dabei stehen neben Wikipedia, Google und YouTube ganz klar die Sozialen Netzwerke (StudiVZ, SchuelerVZ, Facebook) im Mittelpunkt der Internetnutzung. Die JIM Studie und die ARD ZDF Online Studie belegen diesen stabilen Trend.

·         Religion ist auch in den sozialen Netzwerken präsent:
In den sozialen Netzwerken bilden sich ohne organisationelle Anregung, Unterstützung oder Finanzierung viele religiöse Gruppen. (siehe Studie der Goethe Universität).

·         Die Gemeinden, Einrichtungen und Verbände haben kaum eigene Ressourcen:
Die Hauptpräsenz von Kirche geschieht an den Schnittstellen, d.h. in den Gemeinden / Seelsorgeeinheiten, Einrichtungen, Verbänden, Gemeinschaften der Gemeinden (je nach Bistum variieren die Namen dieser Einheiten). Dort sorgen tausend Hauptamtliche und Ehrenamtliche für den Kontakt der Menschen (und Jugendlichen) mit Kirche. Dieser Mitarbeiter sind nicht zuletzt durch Umstrukturierungsprozesse zeitlich und finanziell bis über die Grenzen ausgelastet. Ressourcen stehen kaum zur Verfügung. Dennoch sehen diese Mitarbeiter, nicht zuletzt aufgrund von Erfahrungen mit eigenen Kindern oder Kontakten zu Jugendlichen, den fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie Jugendliche kommunizieren. Oft fehlt Ihnen aber das Verständnis der jeweiligen Leitung für die Bedeutung der Nutzung von Internet in der Arbeit. (diese Beobachtungen habe ich in vielen weiterbildung-live Workshops und Seminare immer wieder bestätigt bekommen)

·         Die Gesellschaft teilt sich in 10 Milieus:
Wir leben in der Sinus-Gesellschaft. Die Aufsplitterung der Gesellschaft in 10 etwa gleichgroße Milieus, die sich gegenseitig kaum noch verstehen, ist ein Fakt. Man kann es im realen Leben beobachten. Die Kirche erreicht mit ihren jetzigen Angeboten (Sonntagsgottesdienste, Pfarrbriefe, Flyer) die Milieus der Traditionalisten, Bürgerlichen Mitte, Konservativen. Besonders die jungen Milieus, der Hedonisten, Modernen Performer, Experimentalisten sind dagegen besonders im Internet aktiv.

·         Die Ressourcen werden knapper:
Es ist mit einem massiven Rückgang der Kirchensteuer zu rechnen, der zu radikalen Veränderungsmaßnahmen und zu sinkenden Ressourcen führen wird.

Urteilen – Kriterien für den Erfolg

·         Motivation statt Überforderung an der Basis herstellen:
Eine erfolgreiche Internetstrategie muss darin bestehen, vor allem die Mitarbeiter an der Basis zu unterstützen und nicht zu überfordern. Oftmals sind Projekte auf der mittleren Ebene (Bistumsebene oder Vereinsebene) dadurch gekennzeichnet, dass sie hohen personellen oder finanziellen Aufwand erfordern. Es werden externe Agenturen beauftragt, die Webdesign, Technik etc. umsetzen und die Kosten für solch ein Projekt sind schnell im 4-5 stelligen Bereich. Auf die Mitarbeiter an der Basis hat dies die Signalwirkung, dass Internet a) eine kostspielige und b) eine aufwendige Angelegenheit ist. Das führt dazu, das Thema Internet mit Vorsicht zu behandeln. Hier kann eine Internetstrategie Motivation aufbauen, indem Sie nicht den Druck vermittelt, dass die Gemeinde nun noch viel Zeit, Energie und Geld in eigene Internetprojekten stecken muss. Im Gegenteil: Das Internet ist nicht ein neuer Kanal, der im alten Schema Sender – Empfänger wieder und zusätzlich aufwendig bestückt werden muss, sondern der die Möglichkeit bietet, die Potentiale des Internets zu sehen.

·         Eine Strategie muss die Sinusmilieus berücksichtigen:
Es ist nicht möglich, alle Milieus anzusprechen. Die Sinusstudie wurde in kirchlichen Kreisen auch deshalb lange Zeit nicht recht wahrgenommen, da die logische Frage „Was nun?“ nicht beantwortet werden konnte. Eine kirchliche Internetstrategie muss auf der Basis der Sinusmilieus ansetzen und die Frage beantworten, wie die verschiedenen Milieus vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen erreicht werden können? Muss der derselbe Inhalt in 10 verschiedenen Verpackungen angeboten werden, oder gibt es nicht doch ein über alle Milieus hinweg bestehendes, einzigartiges Verkaufsargument für Kirche?

·         Nachhaltigkeit durch Ressourcenschonung:
Eine Internetstrategie muss berücksichtigen, dass immer weniger hauptmatliches Personal, Kapitel und Zeit zur Verfügung steht, um eigene redaktionelle Inhalte zu bestücken.

Handeln

·         Grundthese: Die in den verschiedenen Netzwerken aus eigenem Antrieb aktiven religiösen Nutzer sind der Schlüssel einer kirchlichen Internetstrategie.

·         Die Charismen entdecken  und unterstützen:
Theologisch gesprochen, bieten die verschiedenen Netzwerke die Möglichkeit in den verschiedenen Milieus die Charismen (im Sinne von geistinspirierten Personen) zu identifizieren. Diese können gezielt unterstützt und gefördert werden. Dies sind die Kommunikatoren, Mediatoren des Evangeliums in den verschiedenen Milieus über das Medium Internet, dem primären Ort der Sozialisation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen (wie die BDKJ Sinusjugendstudie resümiert)
Wer sind diese Charismen? Das sind die Jugendlichen, jungen Erwachsenen, die religiöse Gruppen in den sozailen Netzwerken gründen und Gruppenmitglieder um sich scharen.
Wie sieht die Unterstützung konkret aus? Einfachste Ebene: Verlinkung. Viele der religiösen Gruppen in den Netzwerken sind nicht verlinkt mit der Webseite der Gemeinde Einrichtung etc. Beispiel: Die Pfarrgemeinde St. Hedwig hat eine Webseite. Uwe, der Obermessdiener hat aber schon längst in SchülerVZ eine Gruppe mit mittlerweile 26 Mitgliedern für die Messdiener von Sankt Hedwig angelegt. Beide Internetangebote stehen isoliert nebeneinander, statt aufeinander hinzuweisen. Die Initiatoren dieser Gruppen sollten Wertschätzung und Unterstützung erfahren, eingeladen werden, eingebunden werden in die Öffentlichkeitsarbeit.

·         Erstkontakt herstellen, auf die Menschen zugehen:
Neben der thematischen Gruppensuche in den Netzwerken bieten die meisten Communitys auch die Möglichkeit Personen nach Orten zu suchen. Neben den bereits aktiven religiösen Nutzern können dadurch auch neue Erstkontakte aufgebaut werden. Pfarrer Dr. Hermes macht dies bspw. in dem sozialen Netzwerk in XING (siehe Interview in der Studie der Goethe-Universität)

·         Blogger als Mediatoren im Netz:
Dasselbe gilt für christliche Blogger. Die erste Konferenz christlicher Blogger ist ein wichtiges Ereignis im Kirchengeschehen. Blogger werden in Ihrem Wert für die Kommunikation der Kirche noch kaum wahrgenommen.

·         Jugendliche ans Netz heranführen:
Ermutigung und Befähigung zum digitalen Zeugnis. Auf Diensten wie den sozialen Netzwerken oder wie blogger.com oder wordpress.com können Jugendliche ohne großen Aufwand eigene Gruppen bzw. Blogs anlegen. Kirche sollte vor Ort die Jugendlichen gezielt an das Medium Internet heranführen und diese Sprachfähig machen. (Natürlich müssen dazu ersteinmal die Hauptamtlichen diese Fähigkeiten gezeigt bekommen). Meine Erfahrung ist aber, dass viele meiner Seminarteilnehmer die Erfahrung machen, so ein Blog oder so eine Gruppe (z.B. in StudiVz oder Facebook) ist ja ganz einfach anzulegen und zu pflegen.

 

Vorteile der Strategie:

·         Es erfordert kaum Zeit-Ressourcen und keine technischen oder finanziellen Ressourcen.

·         Es stellt keine Überforderung dar, da die Umsetzung nicht auf den Schultern der Hauptamtlichen lastet.

·         Es bietet eine Möglichkeit, in den verschiedenen Milieus Kommunikatoren zu finden, ohne dass die Hauptamtlichen sich Gedanken machen müssen, wie Sie die 10 Milieus wohl erreichen können.

·         Erste Studien deuten darauf hin, dass die verschiedenen Milieus auch in verschiedenen Communities aktiv sind: So hat z.B. myspace ein anderes Publikum als die Business Community XING, und diese wiederum ein anderes Publikum als wer-kennt-wen. Die Vielfältigkeit der Sinusmilieus bildet sich also auch in den verschiedenen Communities ab.

 

Probleme der Strategie:

·         Es ist ein Kontrollverlust.

Fazit

·         Keine Strategie ohne Schattenseiten. Die Kernfrage ist: Sind die Schattenseiten es wert, in Kauf genommen zu werden, um
a) dadurch einen besseren Zustand zu erhalten in Bezug auf das ursprüngliche Problem (Kirche und Internet) und
b) angemessen auf die Ausgangslage zu reagieren?

Mein Fazit: Ja. Probleme werden sich auf dem Weg noch zeigen, manches Problem sich als erdacht herausstellen.

Flankierende Maßnahmen:

·         Der Charisma Gedanke sollte im Vordergrund stehen. Angefügt noch einige Überlegungen:

·         Arbeiten mit OpenSource Software. Viele Agenturen bieten ihren kirchlichen Kunden maßgeschneiderte Programmlösungen an, die lizenzpflichtig und mit einem hohen Pflegeaufwand verbunden sind. Die Weiterentwicklung wird meistens von Seiten der kirchlichen Kunden mitbezahlt. Open Source hingegen ist lizenzfrei und wird von der Community weiterentwickelt, aus dem Bestreben heraus, etwas Gutes zu tun. Meist sind diese Programme auch noch kostenfrei.

·         Arbeiten mit externen Dienstanbietern. Wer bei blogger.com oder wordpress.com einen Blog anlegt, muss nichts zahlen und hat auch keine Folgekosten für die technische Betreuung. Solche externen Dienstanbieter gibt es mittlerweile für alle Formate des Internets. So z.B. Wikispaces fürs Wikis. Dies kommt einer an Ressourcen immer ärmer werdenden Kirche entgegen.

Theologisch gesehen entspricht das auch dem Geist des II. Vatikanums, wie Andrea Mayer-Edoloeyi (www.andreame.at) mir dankenswerter Weise in der letzten Diskussion im Blog geschildert hat. Auch Andre Boeing danke ich für die anregenden Gedanken zum Resonanzgruppenmodell in der XING Gruppe Kirche im Internet.

Passend zu diesem Modell stelle ich – ganz dem OpenSource Gedanken verbunden – zur allgemeinen kostenlosen Nutzung eine selbst entwickelte Grafik zum Thema Kirche im Internet unter einer CC Lizenz zur Verfügung: Wer mag nutze Sie für Flyer, Webseiten, etc.

 

Die Grafik zum vergrößern und herunterladen bitte anklicken:

 

kirche20.jpg

Kategorie: Kirchenstrategie, Web2.0, virales Marketing | 8 Kommentare »

eine kirchliche Community… was kann und soll sie leisten? Lernen vom Kaffeemacher

Mittwoch 25. November 2009 von admin

Tchibo … momentan rauscht es ja im katholischen Internet:Startet Bertelsmann nun eine katholische Community cathoo.net oder doch nicht? Was ist der Mehrwert? Lohnt es sich noch (oder überhaupt) eine eigene katholische Community an den Start zu bringen? Viele sehen das Engagement eher skeptisch, weil unter anderem der Mehrwert nicht klar ist.
Bei der neuen Web 2.0 - Kampagne von Tchibo kam ich dann auf eine Idee: Was die katholische Kirche im Internet braucht, ist eine Plattform, ähnlich wie https://www.tchibo-ideas.de/  Die User schreiben hier über Probleme und andere User können Lösungen entwicklen oder schreiben. Tchibo schaut, ob brauchbare Ideen darunter sind und entwickelt daraus u.U. serienfertige Produkte. Ähnliche Ideen hatten ja auch schon P&G mit www.beinggirl.de und Starbucks mit www.mystarbucksidea.com. Vom Konsumenten zum Prosumenten (Mischung aus Konsument und Produzent - die klassischen Grenzen verschwimmen).

Ist das nicht auch das Entscheidende, was der Kirche im Web noch fehlt? So viele Probleme, und in allen Diozesen in denen ich tätig bin diesselben Herausforderungen - so oft wird das Rad neu erfunden, könnte da eine Problemlösecommunity nicht effektiv Abhilfe schaffen? Die Pfarrsekretärin, die in Ort x das Problem hat, das die Pfarrsekretärin aus y schon gelöst hat. Was denken Sie? Würde solch eine Fokussierung rein auf diese Problemlösemoment einer Community wie Bertelsmann sie plant den nötigen Mehrwert liefern? Denn was die Kirche im Web sicher nicht so sehr braucht ist ein katholisches Pendant zu StudiVZ, oder? Bin gespannt auf Eure / Ihre Meinungen…

Aufmerksam geworden bin ich unter: http://www.website-marketing.ch/4967-tchibo-ideas-so-funktioniert-zielgruppe-einbinden-im-web-2-0/

Kategorie: Community, Kirchenstrategie, Web2.0 | 4 Kommentare »

Obama: Der erste Web 2.0 Präsident?

Sonntag 9. November 2008 von admin

Obama Der Erste Web20 Praesident
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Barack Obamas klarer Sieg bei der Wahl ist wohl auch auf seine geschickte Kampagne im Internet unter Einsatz von Web 2.0 Tools zurückzuführen. In Facebook und Myspace ist es sehr deutlich zu sehen: 80 / 20 ist das Verhältnis von Obamas Kontakten zu denen von McCain. Was sagt diese Zahl aus? Dass Facebook und MySpace User eher pro-Obama eingestellt sind? Sicherlich, das spielt auch eine Rolle, aber dennoch zeigt es auch, wie wichtig das Web 2.0 im Wahlkampf geworden ist.
Laut einer Umfrage von Pew Research haben sich 42% der jugen Amerikaner (18-29 Jahre) im Internet über die Kandidaten informiert. Das Spannende ist, welche Vorteile sich aus der Internetstrategie von Obama ergeben:

  • Spenden über das Internet genieren (während Clinton noch mit herrkömmlichen Spendengalas arbeitete)
  • Supporter im Internet um sich versammeln und koordinieren
  • Obamas Team konnte Aktionen über die Internetplattform my.barackobama.com koordinieren
  • Der entscheidende Faktor, vor allem in Hinblick auf die vielen Kontakte in den Online-Netzwerken (z.B. Facebook, MySpace): Eine kurze Reaktionszeit, d.h. Obama konnte fast ohne Zeitverzögerung auf Aussagen McCains reagieren. Er hatte praktisch seine eigene “Nachrichtenagentur” aufgebaut um die Öffentlichkeit via Internet / Web 2.0 zu erreichen.
  • Transparente Regierungspolitik über change.gov

Was denken Sie? Obama - der erste Web 2.0 Präsident?
Obama ist sich anscheinend auch bewusst, wie sehr ihm das Web 2.0 zum Sieg verholfen hat: Als eine der ersten Maßnahmen nach dem Wahlsieg hat er die Seite change.gov gestartet, mittels derer er die Transparenz seines Change-Programms duch Blogs und andere interaktive Formate gewährleisten will. Interaktive Möglichkeiten regen zum Mitmachen an.

Interessante Links:

  • http://netzpolitik.org/2008/vergleich-obama-kampagne-und-deutscher-internetwahlkampf/#more-6748
  • http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,589059,00.html
  • http://www.fastforwardblog.com/2008/03/05/how-obama-is-using-web-and-enterprise-20-in-the-us-primary-campaign/
  • http://off-the-record.de/2008/11/05/obama-und-der-siegeszug-des-web-20/
  • http://webtrends.about.com/od/web20/a/obama-web.htm

Kategorie: Web2.0, virales Marketing | 4 Kommentare »

Platon als Vater des Web 2.0 ?!

Freitag 24. Oktober 2008 von admin

Platons Medienkritik

Im Phaidros bringt Platon eine überraschend aktuelle Kritik der Schriftlichkeit. Ein linearer Text ist seiner Auffassung nach kein Wissen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu befragen. Er ist sogar gefährlich, denn der Leser könnte leicht den Eindruck bekommen, er wüsste - tut es aber nicht, da er nicht wie im mündlichen Dialog die Möglichkeit hat, den Geltungsanspruch der Aussagen zu überprüfen.

Der einzige Sinn der Verschriftlichung ist laut Plato die Reaktivierung von bereits Gewußtem. Der Dialog ist also für Platon der primäre Ort der Wissenserzeugung, er ist Philosophie  im eigentlichen Sinne. Der Gegenbegriff zum Philosophen (übsetzt: Freund der Weisheit) ist der des Doxosophen (übersetzt: Schein der Weisheit). Eine immer noch aktuelle Kritik, die viel Zündstoff für den Weiterbildungsmarkt und die (universitäre) Lehre enthält. Es erinnert mich sehr an die sehr bedenkenswerten Thesen, die Richard Gris in seinem neuen Buch “Die Weiterbildungslüge auftstellt. (Hier ein Interview in der Sueddeutschen).

Gut, was hat das mit Web 2.0 zu tun? Nun, Platon dürfte also laut seiner eigenen Theorie auch nichts schreiben - tat er aber. Warum? Nun, Platon hat einen neuen Stil kreiert: Den des dialogischen Schreibens. D.h. im Medium der linearen Schrift war Platon seiner Zeit schon so voraus, dass er seine Schriften als Dialoge niederschrieb. Es sind zwei Gesprächspartner die sich unterhalten, keine lineare Abhandlung. Im Prinzip ist das auch der Übergang, den man im Internet vom Web 1.0 zum Web 2.0 sieht: Erst statische Infomationsseiten, dann im Web 2.0 zunehmend kommunikative Seiten, die Dialog und Austausch ermöglichen.

Ein sehr spannender Artikel zur Vertiefung: http://www.linse.uni-due.de/linse/esel/arbeiten/medienkritik.html 

Kategorie: Medientheorie, Web2.0 | Keine Kommentare »

Social Software & Web 2.0: Eine Herausforderung

Samstag 4. Oktober 2008 von admin

Im wunderschönen Religionspädagogische Studienzentrum (RPZ) Schönberg fand vom 3.-5.10 die diesjährige Fachtagung der Plattform des religionspädagogischen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (kurz RPI-virtuell) statt. Der Samstag begann mit einem hochkarätig besetzen Podium mit Dr. Andreas Mertin, Prof. Baumgartner und Prof. Trocholepczy.

Begleitet wurde die Tagung mit einem Wiki, in dem Materialien abrufbar sind, unter anderem ein Vortrag von Prof. Baumgartner zum Thema “Social Software & Web 2.0: Eine Herausforderung für soziale Lernprozesse”.

In seinem Vortrag reagierte Baumgartner auf die Frage nach der Qualität von online-kooperativ erstellten Inhalten mit der Feststellung, dass es eigentlich keine guten oder schlechten Inhalte gibt. Auch ein schlechter Wikipedia Artikel bspw. gibt im schulischen Umfeld Anlass, ihn besser zu schreiben. In dieser Sichtweise sind Inhalte immer prinzipiell zu bearbeitende. Inhalte sind weniger statische Konstrukte sondern gleichen eher offenen Prozessen.

Fünf Elemente von Social Software und Web 2.0 macht Baumgartner aus:

  1. Massenhafte Kooperation
    Es begann mit der Empfehlungsfunktion von amazon: “Wer dieses Buch gekauft hat, kaufte auch …”. Web 2.0 meint in dieser Sichtweise, dass nicht mehr Inhalte über Hyperlinks mit Inhalten verknüpft werden (Web 1.0) sondern Menschen werden mit Menschen verknüpft. Zwar ist dies bei der amazon Empfehlungsfunktion noch nicht der Fall (sie stammt ja auch aus dem Jahr 1997) - dafür zeigte Baumgartner aber andere Beispiele, wie Z.B. XING, citeulike.org, digg.com, library thing
    Früher, vor allem zu Zeiten der Gatekeeper Medien, galt das Prinzip: Erst filtern, dann publizieren. Zu Zeiten des Web 2.0 gilt der Grundsatz: Erst publizieren, dann filtern. Dabei betont Baumgartner die Weisheit der Masse (wisdom of the croud, Schwarmintelligenz, etc.). Digg.com führt er als ein Beispiel an, wie Inhalte erstellt und in einem zweiten Schritt dann von einer Community bewertet werden. In meinen Augen ist dies eine der interessantesten Entwicklungen: Zu sehen auch im Bereich Social Bookmarking, wie etwa bei Mister Wong: Hier wird eine Seite als gut bewertet, wenn möglichst viele Nutzer diese in Ihren öffentlich zugänglichen Bookmarks (=Social Bookmarks) führen. Wichtiger Nebeneffekt ist, dass Google solche Seiten sehr hoch im Ranking listet. Waren es früher zunehmend Wikipedia Seiten, die Google unter den ersten Treffern listet, sind es zunehmend Blogseiten und Social-Bookmarking Seiten, vor allem Mister Wong.
  2. Peer Production
    Im Prinzip ein alter Traum vieler Unternehmen: Die potentiellen Käufer entwickeln das Produkt mit. So etwa bei Lego unter http://factory.lego.com/. Hier kann der Kunde sein eigenes Legoprodukt kreieren und passend dazu online die Steine bestellen. Lego behält sich die neue Kreation als mögliches Modell für den Markt vor.
  3. Open Culture
    http://openwetware.org/wiki/Main_Page
  4. Sharing Cultures
    “Ein Professor teilt lieber seine Zahnbürste mit einem Kollegen als seinen Content” zitierte Baumgartner eine geläufige Redewendung. Dementgegen tritt Baumgartnerfür eine Kultur des Teilens von Inhalten  ein, wie etwa unter der Website des Projektes Open Educational Ressources http://www.oercommons.org/ (Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier: www.e-teaching.org/didaktik/recherche/oer/
  5. Acting globally
    Als Beispiel führte Baumgartner das Boeing 787 Vorgehen an: www.boeing.com/commercial/787family

Da der Netzwerkgedanke für das Web 2.0 entscheidend ist, waren einige Hinweise Baumgartners in Bezug auf das Communitybuilding aufschlussreich:
Der soziologische Reiz einer Community besteht darin, dass ich über die Kontakte meiner Kontakte eine höhere Informationsdichte erreiche, da mein enger Bekanntenkreis doch meist über einen ähnlichen Informationsstand verfügt. Die Formel dafür lautet, dass mit abnehmender Bekanntheit eines Individuums in einem Netzwerk die Informationsdichte zunimmt.
Ganz konkret ergeben sich für das Communitybuilding (aber auch für den Einsatz von e-teaching Elementen in Lernprozessen) folgende Konsequenzen:

  • Es muss ein Versprechen an den Nutzer gemacht und kommuniziert werden.
  • Der Mehrwert (Nutzen) darf nicht in der Zukunft eingelöst werden.
  • Es darf keine Hürden und keine Zäsur geben. (interessant in diesem Zusammenhang: Die Aussage, dass bei Wikipedia durch die Anmeldung der Vandalismus nicht weniger wurde gegenüber dem Zustand, dass auch nicht angemeldete Nutzer Inhalte verändern können)
  • Jeder neue Nutzer muss (individuell) begrüßt werden.
  • Es bedarf einer stilbildenden Kultur.
  • Es gibt keine Fehler die ein Nutzer machen kann.

Im Rückgriff auf Hippner (in: HMD - Praxis der Wirtschaftsinformatik, 43. Jg. (2006) No. 252, S.6-16) sind 6 Prinzipien von social software erkennbar:

  • Das Individuum bzw. die Gruppe steht im Mittelpunkt.
  • die Netze organisieren sich selbst (bottum up Struktur).
  • soziale Rückkoppplung, z.B. in Form von Bewertungen ist von großer Bedeutung (Social Feedback).
  • der Fokus liegt auf der Struktur der Information und nicht auf der Information selbst.
  • die Kommunikation des Individuums mit der Gruppe steht im Vordergrund (keine “one-to-one, sondern “one-to-many” oder “many-to-many” Kommunikation).
  • die Beziehungen der Personen untereinander werden sichtbar gemacht [ Diesen Punkt halte ich für den entscheidenden].

Aus den gesamten Podiumsbeiträgen, den Diskussionen und dem Referat von Prof. Baumgartner erscheinen mir die Mehrwerte von Social Software und Web 2.0 im Bereich Lernen:

  • Ermöglichen eines selbstregulierten Lernens - Stärken der Eigenverantwortung
  • Schnellere Aktivierung via Internet
  • Wandel von einer Bring- zur Holschuld
  • Soziales Kooperatives Arbeiten einüben und dadurch Soft Skills lernen
  • Öffnung der abgeschotteten Lernraums gegenüber der Öffentlichkeit und Stakeholdern
  • Transparenz des Lernvorganges / Prozesses nach außen
  • Motivation der Lernenden mittels des Einsatzes von neuen Tools
  • Stärkung der medialen Kompetenz
  • Sprachfähig zu machen und Selbstmitteilung ermöglichen

Social Software und Web 2.0: Eine Herausforderung für die Kirche!

Ein Artikel von Prof. Baumgartner zu dem Thema: http://peter.baumgartner.name/article-de/social-software_copers.pdf

Kategorie: Nutzungsverhalten, Software, Web2.0 | Keine Kommentare »