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Ein echter Pfarrer in SL (Serie Religion in Second Life - Teil 2)

Samstag 7. Juni 2008 von admin

„… wo Menschen lieben, leiden und leben“

Ein Interview mit Heino Masemann, Seelsorger in Second Life, über die Schutzfunktion der digitalen Maskerade, das Gut „Vertrauen“ und die Vorteile computerbasierter Kommunikation für die Seelsorge.

Heino Masemann, Jahrgang 1961, ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und betreut in Second Life ein seelsorgliches Gesprächsangebot innerhalb des Projektes Expowal – eine unglaubliche Kirche in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen (ekn). Er arbeitet als Geschäftsführer des Landesvereins für Innere Mission und ist Buchautor.

Lieber Herr Masemann, als Pfarrer bieten Sie seit Oktober 2007 jeden Mittwoch von 22.00 – 23.00 Uhr in Second Life (SL) die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Ihnen als Seelsorger. Wie wird dieses Angebot angenommen und wen erreichen Sie damit?

„Das Angebot wird gut angenommen. Wir erreichen diejenigen Personen, die bereits in Second Life drin sind und es nutzen. Wir haben im Vorfeld eine gute PR-Arbeit für dieses Angebot gemacht in Form von Pressemeldungen und eine Kooperation mit dem erfolgreichen Privatsender radio ffn. Das lief über den Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen. Die meiste Aufmerksamkeit haben aber wir aber über SL-interne Kanäle erreicht, etwa in Form von Nachrichten oder aber durch Mund-zu-Mund Propaganda der SL-Nutzer innerhalb verschiedener Gruppen. Jemand der noch kein Second Life genutzt hat wird aufgrund einer Nachricht nicht plötzlich zum SL Nutzer.“

Und was sind das für Menschen, die Sie mit Ihrem Angebot erreichen?

„Die ganze Bandbreite: Lehrer, Gelegenheitsarbeiter, Studenten, Schüler, Schichtarbeiter, Technikbegeisterte, kurzum ein sehr gemischtes Publikum aller Bildungsschichten. Da kommen eben auch Leute, die mit Kirche eigentlich nichts zu tun haben. Die hören das da plötzlich ein echter Pfarrer ist und sagen sich ´Da gehen wir mal hin´. Oft sind es auch Menschen, die schon andere religiöse Angebote in Second Life erkundet haben. “

Aber es sind Menschen die sich hinter Masken verstecken? „Der digitale Maskenball“ – so lautet die Überschrift eines großen Spiegelartikels zu SL…

„Es ist ein absolutes Maskenspiel. Oftmals erhält man auf die Frage „und was machst du sonst?“ die Antwort: „Ich möchte nicht über mein reales Leben (RL) sprechen.“ Ein Avatar in Second Life sagte mir auf die Frage warum er hier sei: „Weil ich hier keine Vergangenheit habe und nicht schon von vorneherein in Kategorien eingeordnet werde!“ Die Maskerade ist positiv wie negativ.“

Was bedeutet das für Seelsorge in SL?

„Die Maske ist ein Schutz. Die Nutzer können herauslassen, was in Ihnen ist. Sie können ehrlich sein, zu sich und zum Seelsorger, weil es keinen Gesichtsverlust gibt. Seelsorge basiert auf Freundschaft, Freundschaft auf Vertrauen. Vertrauen öffnet den Menschen…“

… der dazu neigt, in die virtuelle Welt zu fliehen? Sie sprachen ja eben über die negativen Seiten der Maskerade.

„SL ist in gewisser Weise für manche ein Fluchtraum, der aber Begegnung ermöglicht. Wir kennen das Phänomen von Spielen, wo Menschen in die Einsamkeit flüchten. Hier bei Second Life aber können wir die Menschen in Ihrer Einsamkeit erreichen und diese aufbrechen. Es gibt keinen besseren Ort, um Menschen in Ihrer Einsamkeit zu erreichen. Das ist was ganz, ganz Großes. Es ist auch ein Stück weit widersprüchlich, denn die Menschen suchen die Orte in Second Life auf, wo etwas los ist, wo Begegnung ermöglicht wird, während sie alleine zuhause vor dem PC sitzen“

Wenn es zu dieser Begegnung in SL zwischen Ihnen als Seelsorger und einem zunächst Unbekannten kommt, ist das reale Leben dann ein Thema?

„Das reale Leben anzusprechen ist problematisch. Als Seelsorger ist es die große Versuchung, aber die Dynamik von SL und von Seelsorge in SL liegt darin, dass Gegenüber selbst entscheiden und kommen zu lassen mit dem Bezug zum realen Leben.“

Untersuchungen belegen, dass computerbasierte Kommunikation dazu drängt immer persönlicher zu werden (Link: Dr. Tilo Hartmann im Interview), und Personen dazu neigen, Ihre Anonymität peu a peu aufzugeben…

„… in dem Maße wie Vertrauen vorhanden ist. Das kann ich aus meiner Arbeit bestätigen.“

Und was ist für Ihre Arbeit in Second Life als 3D-Welt besonders schwierig?

„ Die Unterhaltungen sind sehr mühsam zu führen. Ich musste am Beginn erst einmal die Chat-Sprache lernen. Aber auch viele Nutzer tun sich mit dem Schreiben generell schwer, deshalb ist es sehr hilfreich, dass es mittlerweile Voice Chat* in SL gibt.“

Die Kirche folgt mit Ihrer Präsenz in Second Life doch nur einem Trend?

„Das ist zu kurz gegriffen. Zum einen ist es sinnvoll, dass wir als große Kirchen vertreten sind, da sonst andere die religiösen Angebote in SL machen. Zum anderen hat Kirche immer dort zu sein, wo Menschen lieben, leiden und leben. Jesus hat das vorgelebt. Und so besagt der Verkündigungsauftrag, in alle Dörfer und Städte zu gehen. Und Second Life ist eine Stadt. Außerdem hat die Kirche dies immer getan: Nach dem Krieg, als man versuchte in jedem neuen Stadtteil möglichst eine Kirche zu bauen, hätte auch niemand gesagt, dass die Kirche einem Trend folgt.

Wie lange wird das Projekt denn noch laufen?

„Wir haben keine feste Laufzeit, wir probieren das einfach aus. Wir wollen die Fragenden und Suchenden erreichen und das tun wir mit unserem Angebot, darum passt das auch – wie sich SL entwickeln wird kann ich allerdings nicht einschätzen, da es sehr dynamisch ist.“

Vielen Dank für dieses spannende Interview. Das Interview führte Jürgen Pelzer.

* Voice Chat meint die Technologie, mittels derer sich die Avatare untereinander durch ein an den PC angeschlossenes Mikrofon und Lautpsrecher/Kopfhörer unterhalten können. Texte müssen nun nicht mehr wie im normalen Chat eingetippt werden, sondern können direkt gesprochen werden und von den anderen Avataren live gehört werden.

Weitere Infos: http://www.expowal.de/
Die SLURL zum Artikel: http://slurl.com/secondlife/Altstadt/240/220/24/

Kategorie: Second Life (3D), Seelsorge | 2 Kommentare »