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Second Life - wissenschaftlich erforscht (Serie Religion in Second Life : Teil 3)

Sonntag 22. Juni 2008 von admin


„Ein Bedarf an religiösen Angeboten ist nicht zu bezweifeln”

Ein inworld* Interview über Religiosität in Second Life (SL), den Ernst digitaler Hochzeiten und die Frage nach dem First Life.

Simone Heidbrink
ist Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg und forscht am Projekt „Ritualinnovationen der “Emerging Church” / “Alternative Worship”- Bewegung” www.sl-research.de


Kerstin Radde-Antweiler
ist Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg und forscht am Projekt „”Wedding Design” Online: “Alte” Rituale in “neuen” Welten” www.sl-research.de


Liebe Frau Heidbrink, Liebe Frau Radde-Antweiler, Sie beobachten Religiöse Rituale und Gruppierungen in SL über einen langen Zeitraum- entstehen neue Rituale in SL?

Heidbrink: Allgemein gesprochen sind die Gottesdienste in Second Life stark den Gottesdiensten im “first life” nachempfunden. Adaptionen und Transferprozesse sehen wir hauptsächlich dort, wo es - aufgrund der medialen Gegebenheiten - zwingend notwendig ist, diese vorzunehmen. Sicherlich finden wir Kirchengebäude etc., die sich von den Gegebenheiten im “first life” unterscheiden und die Möglichkeiten des neuen Mediums werden durchaus ausgeschöpft. Dennoch hat es den Anschein, dass bislang wenig an den vertrauten Formen geändert wird. Auch in anderen Bereichen von Religiosität im Internet, die wir am Institut für Religionswissenschaft der Uni Heidelberg schon seit einiger Zeit untersuchen, findet man bislang vorwiegend das Phänomen, dass die Gegebenheiten der physischen Welt im Netz eher nachgebildet werden, als komplett neue Formen zu kreieren, was das Medium ja durchaus erlauben würde. Meist handelt es sich um kleinere Adaptionen. Einer der Gründe könnte sein, dass Religion, insbesondere religiöse Rituale in einer solch neuen, weitgehend unbekannten “Welt” nur dann als solche erkannt werden, wenn vertraute und konstante Elemente vorkommen. Ob es irgendwann genuin “neue” Rituale in virtuellen Welten geben wird, wird die Zukunft zeigen. Ich bin gespannt.
Radde-Antweiler: Das eigentlich Interessante bei der Analyse der Hochzeiten war die überraschende Tatsache, dass die Rituale sehr traditionell und wenig innovativ waren. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass die Wiederkennung der Rituale im Vordergrund steht

Es gibt auch Moscheen online - Wie schätzen Sie die Entwicklung in: Nehmen die religiösen Angebote zu?

Radde-Antweiler: Oh, es herrscht eine große Vielfalt in SL was religiöse Gebäude, Angebote wie Rituale o.ä. betrifft, beinahe jeder religiöse Gruppierung ist hier vertreten. Der Heiratsmarkt ist dabei - auch wohl aufgrund der Medienberichte - natürlich derzeit am boomen…

… und diese religiösen Angebote, werden die von den Nutzern auch angenommen und können sie etwas zu der Motivation der Menschen sagen, digitale Gottesdienste zu feiern?

Radde-Antweiler: Ich kann natürlich nur empirisch belegte Aussagen über die Hochzeitsrituale sagen, die auch zu meiner Überraschung von rund 80% sehr ernst genommen werden. Auch wenn die religiösen Intentionen eher im Hintergrund stehen - recht ähnlich dem offline-Bereich - stellt die Hochzeit ein ernstes und wohl überlegtes Ereignis/Ritual im Leben der SL-Residents dar.
Heidbrink: Ich glaube, wir haben alle genau diese Beobachtung in unseren Forschungen in SL gemacht: Für die Menschen ist SL kein Spiel, sondern eine soziale Interaktionsplattform, die sie durchaus sehr ernst nehmen.
Radde-Antweiler: Interessant war auch die Tatsache, dass rund 60% der Hochzeitspaare auch in real life verheiratet oder liierte waren. Gerade die Definition als Spiel oder soziale Plattform/ LifeSims hat innerhalb von Second Life viele Diskussionen ausgelöst.
Heidbrink: Auch in Forscherkreisen ist nicht ganz klar, wie genau SL zu definieren ist. Da es nicht, wie bei einem Online-Spiel, ein definiertes Spielziel gibt, muss sich jeder Nutzer selbst Gedanken machen, was er von SL erwartet.
Radde-Antweiler: Viele Benutzer treffen aufgrund der Zuschreibung als soziale Online-Community auch nicht mehr die Unterscheidung reale versus virtuelle (und damit meist als nicht-reale ab klassifiziert) Welt, sondern first und second life, um zu verdeutlichen, dass es zwei Aspekte und Plattformen eines Lebens sind..

eines realen Lebens, vor dem man ins Second Life flüchtet?

Heidbrink: Ich denke, gerade die Unterscheidung “first” und “second life”, also nicht zwischen “real” und “second life” widerspricht der Idee der Realitätsflucht. Oft wird auch unterstellt, Nutzer von Online-Welten seien sozial isolierte, gestörte Individuen, die in der “Wirklichkeit” nicht zurecht kommen und sich deshalb in die Virtualität flüchten.
Radde-Antweiler: Hmm, da hängt natürlich sehr viel an der Definition “Realität”. Aber wie von meiner Kollegin bereits erwähnt wird SL als ein Aspekt der Realität gesehen, weswegen auch viele Sachen mit einer großen Ernsthaftigkeit betrieben werden.

Gibt es Studien zu dem Themenfeld Realitätsflucht?

Heidbrink: Quantitave Studien vor allem im Game-Bereich haben ergeben, dass Menschen, die im Netz mit vielen anderen Menschen interagieren, im “first life” keineswegs - wie das Vorurteil oft besagt - sozial isoliert seien, sondern im Gegenteil auch in der physischen Welt äußerst kommunikativ sind und üblicherweise ein reiches soziales Leben führen. Diese Forschung dürfte eher dafür sprechen, dass SL sozial vernetzt und nicht isoliert
Radde-Antweiler: Wie auch im normalen Game-Bereich gibt es sicherlich Gefahren hinsichtlich Sucht-Verhaltens, dies aber auf die Mehrheit dieser Community zu beziehen wäre sicherlich falsch und unzutreffend.

Können Sie sagen, wer hinter den religiösen Angeboten steht?

Heidbrink: Bislang stehen hinter diesen Angeboten vorwiegend private Initiativen, im deutschsprachigen Raum gibt es so gut wie keine Angebote, obwohl die deutschsprachige Community neben der englischsprachigen zu den größten Gruppen in Second Life zählt. Man kann jedoch sagen: Institutionelle Initiativen, wie z.B. die Initiative des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsens zusammen mit dem christlichen Event-Center Expowal, die eine Niederlassung in Second Life gegründet haben, in der seit Ende 2007 ein (real-life-)Pastor regelmäßige Sprechstunden abhält, sind eher die Seltenheit (Anmerk. des Interviewers: Den besagten Pfarrer, Heino Masemann, haben wir ebenfalls interviewt: Link)
Radde-Antweiler: Sie haben Kirchen, die z.B. von Mormonen-Gemeinden aus den USA betrieben werden, aber auch Kirchen Moscheen usw., die von Einzelpersonen gebaut wurden

und speziell im christlichen Bereich?

Heidbrink: Es gibt viele kleinere Gemeinden insbesondere aus dem US-amerikanischen Raum, deren Gründer sich als Geistliche bezeichnen. Allerdings ist es für uns als Forscher schwer zu beurteilen, inwieweit es sich tatsächlich um Theologen handelt, da wir bislang ausschließlich Forschung innerhalb von Second Life durchgeführt haben. Der Abgleich mit dem “first life” fehlt uns, weshalb wir die real-life-Identitäten der in SL untersuchten Personen oft nicht zweifelsfrei feststellen konnten.
Radde-Antweiler: Aber auch ganz unabhängig von den religiösen Gebäuden finden Sie eine Unmenge an christlich zu verortenden Gruppen.

gibt es offizielle Projekte der katholischen Kirche?

Radde-Antweiler: In diesem Bereich ist mir nichts bekannt, nur das Beispiel eines Vikars, der aber gerade nicht hier offiziell als katholischer Vertreter auftaucht, da ihm dies untersagt wurde- natürlich nur laut seinen Aussagen.
Heidbrink: Es gibt zwar Kirchengebäude, die katholischen Kirchen nachempfunden wurden, jedoch finden dort meines Wissens nach keine katholischen Gottesdienste statt.

Sehen Sie eine Möglichkeit für die Kirche diese religiösen Tendenzen in SL aufzugreifen, dort präsent zu sein?

Heidbrink: Offensichtlich gibt es auch innerhalb von virtuellen Welten den Bedarf an religiösen Angeboten, wie die religiöse Topographie von Second Life zweifelsfrei zeigen dürfte. Bislang stehen hinter diesen Angeboten vorwiegend private Initiativen, im deutschsprachigen Raum gibt es so gut wie keine Angebote, obwohl die deutschsprachige Community neben der englischsprachigen zu den größten Gruppen in Second Life zählt. Die strategische Frage, die sich meiner Ansicht nach die institutionellen Kirchen in Deutschland stellen müssten: Inwieweit werden auf kurz oder lang andere (private Initiativen, deutschsprachige Zweige der US-amerikanischen Cyberchurches, …) einspringen, die (potentielle) Lücke eines deutschsprachigen religiösen Angebots in Second Life zu füllen?

Wie ist ihr Eindruck: Ein offizielles Angebot der katholischen Kirche in SL, wie würde das von den Residents angenommen?

Radde-Antweiler: Bezüglich der letzten Frage - es ist natürlich schwierig, Prognosen aufzustellen, aber die Residents sind meines Wissens sehr offen religiösen Angeboten gegenüber. Ich glaube, wie auch schon im “normalen WWW” zu beobachten ist, werden religiöse Angebote hier sehr gut angenommen und es wird für eine Kirche des 21.Jhd dann sehr schwierig, sich da nicht einzubringen.
Heidbrink: Ich kann hier nur spekulieren, aber ich denke, bestimmt wären solche Menschen, die die modernen Kommunikationsmedien völlig selbstverständlich nutzen und im Netz einkaufen, sich Rat und Wissen einholen und ihre Freundschaften pflegen, auch offen für religiöse Angebote der Kirchen.
Radde-Antweiler: Dabei wird es natürlich schwierig sein - um im katholischen Bereich zu bleiben - inwieweit das Sakramentsverständnis sich für den virtuellen Bereich “eignet” oder dem eher hinderlich ist.
Heidbrink: Richtig. Ein Gespräch mit dem Internetbeauftragten der Evangelischen Kirche Deutschlands, Ralf Peter Reimann, ergab, dass sich institutionelle Organisationen besonders schwer tun, sich in der virtuellen Welt von Second Life zu verorten. Dabei spielen nicht nur theologische (wie das Problem der Sakramente), sondern wohl vor allem auch administrative Hürden eine Rolle.

Denken Sie, wenn die Kirche hier nicht präsent ist, wird der religiöse Markt von anderen Anbietern “bedient”?

Heidbrink: Es ist nicht auszuschließen. Im US-amerikanischen Raum wird sehr viel offensiver mit dem Thema umgegangen. Dort werden offenbar schon Strategien entwickelt, wie “Internet Ministry” (auch, aber nicht nur, in SL) am besten durchzuführen ist. So ist beispielsweise auf der christlichen Plattform “Internet Evangelism Day” (http://ied.gospelcom.net/index.php) nachzulesen, wie Evangelisierungsstrategien wie “attractional evangelism” und “incarnational evangelism” auf den virtuellen Raum von Second Life angepasst werden können.

Das heißt, in den Emerging Churches werden schon regelrechte Strategien zum Einsatz von SL diskutiert, während hier in Deutschland das Phänomen kirchlicherseits noch wenig beachtet wird?

Heidbrink: Die zögerliche Nutzung medialer Angebote von Seiten kirchlicher Institutionen hat vermutlich eine lange Geschichte, wenn man sich z.B. an die Debatten, die es vor Jahren um die Durchführung und Ausstrahlung der ersten Fernsehgottesdienste gab, erinnert.
Radde-Antweiler: Lieder muss ich mich an dieser Stelle verabschieden. Falls Sie noch weitere Fragen haben, können Sie mich aber gerne kontaktieren. Ich kann Ihnen auch gerne 2 Artikel von mir bezüglich einer religiösen Topographie und den Wedding Rituals zumailen, damit Sie vielleicht einen besseren Einblick in unsere Forschungen bekommen.

An dieser Stelle hat sich Frau Radde-Antweiler wegen eines wichtigen Termins im RL (realen Leben) verabschieden müssen. Danke für das Gespräch.

Heidbrink: In den Emerging Churches wird meines Wissens nach bislang nicht in virtuellen Welten experimentiert, auch wenn die Gruppen und Individuen, die sich zur Emerging Church rechnen, sehr innovativ mit den neuen Medien umgehen. So wird oft - in Anlehnung an das sog. “Web 2.0″ - die Emerging Church als “Church 2.0″ bezeichnet. Die Mediennutzung der Emerging Church geht generell mehr in Richtung “klassischer” Web 2.0-Anwendungen wie Weblogs und Podcasts. Ich kenne bislang nur einen Ort in SL, wo der Bezug auf “Alternative Worship” einen Zusammenhang mit Emerging Church impliziert … Und da ist nicht übermäßig viel los.

Ist Religion in SL ist ein Phänomen, das an Bedeutung gewinnt?

Heidbrink: Ich bin nicht sicher, ob man tatsächlich sagen kann, dass Religion derzeit in SL an Bedeutung gewinnt. Ich denke aber, es ist signifikant, dass in einer Welt, die sich Nutzer so gestalten können, wie sie möchten … also eine Art “ideale Welt”, vielleicht sogar ein “Paradies”(?) — Religion doch eine Rolle zu spielen scheint! Anscheinend ist Religion, aller Säkularisierungsthesen zum Trotz, nach wie vor ein als wichtig empfundener Bestandteil des Lebens. So ist es wohl nur konsequent, dies auch ins “zweite Leben” zu übertragen.

Können Sie etwas sagen über die Nutzer sagen?

Wie bereits erwähnt, kann ich in vielem nur spekulieren. Man kann wohl recht sicher davon ausgehen, dass die SL “Residents” technisch sehr aufgeschlossen sind und viele von ihnen in diesem Bereich sicherlich zu den “early adopters” gehören. Ich meine, gelesen zu haben, dass die meisten von ihnen bereits andere Wege und Angebote der computergestützten Kommunikation genutzt haben und das halte ich auch für eine plausible Annahme. Insofern sind solche Menschen, für die Internetnutzung eine Selbstverständlichkeit ist, auch offen für religiöse Angebote im Netz bzw. in virtuellen Welten.

Wird SL in 2 Jahren noch existieren?

Heidbrink: Dafür fehlt mir leider die Kompetenz. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Internetapplikationen in den letzten Jahren stark an Bedeutung zugenommen haben. Ich persönlich würde vermuten, dass - mit dem technischen Fortschritt - möglicherweise weitere, noch ausgefeilte Anwendungen auftauchen werden. Aber wer kann schon sagen, was kommt? Wer hätte vor 5 Jahren angenommen, dass wir heute mithilfe von Avataren und durch einen dreidimensionalen virtuellen Raum bewegen würden?

Vielen Dank für das Interview!
(*inworld Interview: Das Interview wurde auf einer Frühlingswiese vor einer barocken Kirche in Second Life geführt. Der Interviewer war Jürgen Pelzer)

Weitere Informationen: www.sl-research.de

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Ein echter Pfarrer in SL (Serie Religion in Second Life - Teil 2)

Samstag 7. Juni 2008 von admin

„… wo Menschen lieben, leiden und leben“

Ein Interview mit Heino Masemann, Seelsorger in Second Life, über die Schutzfunktion der digitalen Maskerade, das Gut „Vertrauen“ und die Vorteile computerbasierter Kommunikation für die Seelsorge.

Heino Masemann, Jahrgang 1961, ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und betreut in Second Life ein seelsorgliches Gesprächsangebot innerhalb des Projektes Expowal – eine unglaubliche Kirche in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen (ekn). Er arbeitet als Geschäftsführer des Landesvereins für Innere Mission und ist Buchautor.

Lieber Herr Masemann, als Pfarrer bieten Sie seit Oktober 2007 jeden Mittwoch von 22.00 – 23.00 Uhr in Second Life (SL) die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Ihnen als Seelsorger. Wie wird dieses Angebot angenommen und wen erreichen Sie damit?

„Das Angebot wird gut angenommen. Wir erreichen diejenigen Personen, die bereits in Second Life drin sind und es nutzen. Wir haben im Vorfeld eine gute PR-Arbeit für dieses Angebot gemacht in Form von Pressemeldungen und eine Kooperation mit dem erfolgreichen Privatsender radio ffn. Das lief über den Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen. Die meiste Aufmerksamkeit haben aber wir aber über SL-interne Kanäle erreicht, etwa in Form von Nachrichten oder aber durch Mund-zu-Mund Propaganda der SL-Nutzer innerhalb verschiedener Gruppen. Jemand der noch kein Second Life genutzt hat wird aufgrund einer Nachricht nicht plötzlich zum SL Nutzer.“

Und was sind das für Menschen, die Sie mit Ihrem Angebot erreichen?

„Die ganze Bandbreite: Lehrer, Gelegenheitsarbeiter, Studenten, Schüler, Schichtarbeiter, Technikbegeisterte, kurzum ein sehr gemischtes Publikum aller Bildungsschichten. Da kommen eben auch Leute, die mit Kirche eigentlich nichts zu tun haben. Die hören das da plötzlich ein echter Pfarrer ist und sagen sich ´Da gehen wir mal hin´. Oft sind es auch Menschen, die schon andere religiöse Angebote in Second Life erkundet haben. “

Aber es sind Menschen die sich hinter Masken verstecken? „Der digitale Maskenball“ – so lautet die Überschrift eines großen Spiegelartikels zu SL…

„Es ist ein absolutes Maskenspiel. Oftmals erhält man auf die Frage „und was machst du sonst?“ die Antwort: „Ich möchte nicht über mein reales Leben (RL) sprechen.“ Ein Avatar in Second Life sagte mir auf die Frage warum er hier sei: „Weil ich hier keine Vergangenheit habe und nicht schon von vorneherein in Kategorien eingeordnet werde!“ Die Maskerade ist positiv wie negativ.“

Was bedeutet das für Seelsorge in SL?

„Die Maske ist ein Schutz. Die Nutzer können herauslassen, was in Ihnen ist. Sie können ehrlich sein, zu sich und zum Seelsorger, weil es keinen Gesichtsverlust gibt. Seelsorge basiert auf Freundschaft, Freundschaft auf Vertrauen. Vertrauen öffnet den Menschen…“

… der dazu neigt, in die virtuelle Welt zu fliehen? Sie sprachen ja eben über die negativen Seiten der Maskerade.

„SL ist in gewisser Weise für manche ein Fluchtraum, der aber Begegnung ermöglicht. Wir kennen das Phänomen von Spielen, wo Menschen in die Einsamkeit flüchten. Hier bei Second Life aber können wir die Menschen in Ihrer Einsamkeit erreichen und diese aufbrechen. Es gibt keinen besseren Ort, um Menschen in Ihrer Einsamkeit zu erreichen. Das ist was ganz, ganz Großes. Es ist auch ein Stück weit widersprüchlich, denn die Menschen suchen die Orte in Second Life auf, wo etwas los ist, wo Begegnung ermöglicht wird, während sie alleine zuhause vor dem PC sitzen“

Wenn es zu dieser Begegnung in SL zwischen Ihnen als Seelsorger und einem zunächst Unbekannten kommt, ist das reale Leben dann ein Thema?

„Das reale Leben anzusprechen ist problematisch. Als Seelsorger ist es die große Versuchung, aber die Dynamik von SL und von Seelsorge in SL liegt darin, dass Gegenüber selbst entscheiden und kommen zu lassen mit dem Bezug zum realen Leben.“

Untersuchungen belegen, dass computerbasierte Kommunikation dazu drängt immer persönlicher zu werden (Link: Dr. Tilo Hartmann im Interview), und Personen dazu neigen, Ihre Anonymität peu a peu aufzugeben…

„… in dem Maße wie Vertrauen vorhanden ist. Das kann ich aus meiner Arbeit bestätigen.“

Und was ist für Ihre Arbeit in Second Life als 3D-Welt besonders schwierig?

„ Die Unterhaltungen sind sehr mühsam zu führen. Ich musste am Beginn erst einmal die Chat-Sprache lernen. Aber auch viele Nutzer tun sich mit dem Schreiben generell schwer, deshalb ist es sehr hilfreich, dass es mittlerweile Voice Chat* in SL gibt.“

Die Kirche folgt mit Ihrer Präsenz in Second Life doch nur einem Trend?

„Das ist zu kurz gegriffen. Zum einen ist es sinnvoll, dass wir als große Kirchen vertreten sind, da sonst andere die religiösen Angebote in SL machen. Zum anderen hat Kirche immer dort zu sein, wo Menschen lieben, leiden und leben. Jesus hat das vorgelebt. Und so besagt der Verkündigungsauftrag, in alle Dörfer und Städte zu gehen. Und Second Life ist eine Stadt. Außerdem hat die Kirche dies immer getan: Nach dem Krieg, als man versuchte in jedem neuen Stadtteil möglichst eine Kirche zu bauen, hätte auch niemand gesagt, dass die Kirche einem Trend folgt.

Wie lange wird das Projekt denn noch laufen?

„Wir haben keine feste Laufzeit, wir probieren das einfach aus. Wir wollen die Fragenden und Suchenden erreichen und das tun wir mit unserem Angebot, darum passt das auch – wie sich SL entwickeln wird kann ich allerdings nicht einschätzen, da es sehr dynamisch ist.“

Vielen Dank für dieses spannende Interview. Das Interview führte Jürgen Pelzer.

* Voice Chat meint die Technologie, mittels derer sich die Avatare untereinander durch ein an den PC angeschlossenes Mikrofon und Lautpsrecher/Kopfhörer unterhalten können. Texte müssen nun nicht mehr wie im normalen Chat eingetippt werden, sondern können direkt gesprochen werden und von den anderen Avataren live gehört werden.

Weitere Infos: http://www.expowal.de/
Die SLURL zum Artikel: http://slurl.com/secondlife/Altstadt/240/220/24/

Kategorie: Second Life (3D), Seelsorge | 2 Kommentare »

Religion in Second Life - Die Serie - Teil 1

Freitag 23. Mai 2008 von admin

Second Life beherbergt ein facettenreiches religiöses Leben. Ich bin diesem nachgegangen, habe Pfarrer, Wissenschaftler und Nutzer interviewt, um dem Phänomen Religion in Second Life auf die Spur zu kommen. Auf dem Katholikentag 2008 war ich bei dem Fachpodium geladen über Kirche in Second Life zu sprechen: Mehr Chancen? - mehr Gefahren?

Ist Second Life überhaupt noch ein Thema? - Wie ein Spiegelautor kürzlich treffend schrieb: “Man kann “Second Life” je nach Außentemperatur hoch- und niederschreiben, ohne das Phänomen auch nur in Ansätzen begriffen zu haben.” Da ich mit meiner Serie dem Verständnis dienen will - ohne große Worte nun zur Tat: Der erste Teil ist ein Artikel der das Phänomen Religion in Second Life aus Sicht der Theologie beleuchtet:
[Diese PDF-Datei enthält erstmals eine Übersicht über religiöse Stätten in Second Life. Bitte laden Sie sich die PDF bei Interesse herunter]

Für die Kirche im Zweiten Leben: Ein Plädoyer

Second Life ist eine der bekanntesten 3D-Welten im Internet – Nutzer aus aller Welt interagieren in diesem „virtuellen“ Raum. Obwohl es noch keine offizielle Aktivität der Kirche gibt, blüht das religiöse Leben in Second Life: Es werden Bibelgespräche geführt, die Komplet wird gebetet, interreligiöse Foren werden abgehalten, Gottesdienste gefeiert, Klöster und Kirchen errichtet.

An Second Life zeigt sich ein Phänomen sehr deutlich: Wo Menschen sich treffen, entsteht ein Bedürfnis nach Religiosität. Bereits die Gründung der ersten Internetkirche im Web, Sankt Bonifatius in Funcity, ist auf die Initiative der Nutzer zurückzuführen. Das Aufkommen der religiösen Aktivitäten in Second Life ist ein weiterer Beleg für die Absage an eine Theorie der Säkularisierung, nach der das Religiöse aus der Gesellschaft verschwindet.

Religion in Second Life orientiert sich am realen Leben:

In Second Life begegnet das Religiöse – in allen seiner Formen und Schattierungen. Das Institut für Religionswissenschaft der Universität Heidelberg erforscht mit einem eigenen Projekt religiöse Phänomene in Second Life. Dabei stellen die Forscher fest, dass Rituale aus dem realen Leben auch ins Second Life übertragen werden. Es kommt also nicht zur Entstehung von neuen Ritualformen in 3D-Welten wie Second Life. Second Life koppelt sich also nicht von der „realen“ Welt ab. Und auch ein anderer Prozess ist sehr analog zum „First Life“: Die Gruppenbildung. Wo Menschen zusammenkommen, bilden Sie Gemeinschaften. In Second Life bilden sich Gruppen von Christen, die untereinander ein dichtes Informationsnetzwerk flechten. Sie bauen Kirchen, Klöster und Gemeinschaftsräume in Second Life und begehen liturgische Bezüge und tauschen sich aus. Nicht nur der Kölner Dom ist in Second Life präsent, sondern auch der Jerusalemer Tempel oder das Benediktkloster und an weiteren Projekten dürfte fleißig gearbeitet werden. Kleine Religionsgemeinschaften und große Religionen – sie alle sind vertreten.

Eine neue Qualität der Begegnung: Erfahrbarkeit

Was Second Life so interessant macht, ist die neue Qualität der interreligiösen Begegnungen. Beispielsweise hat die Plattform www.islam-online.net eine vir-tuelle Kopie von Mekka erstellt. Auch Nicht-Muslime können Sie besuchen. Doch damit noch nicht genug: Es ist möglich mit seinem Avatar (der Spielfigur in Second Life) eine virtuelle Wallfahrt nach Mekka zu machen, die Hajj (حج). Dabei werden dem Besucher an jeder Station der Wallfahrt Hintergrundinformationen gegeben. Das ist nichts prinzipiell Neues gegenüber einer Seite aus dem klassischen Web 1.0. Was Second Life ermöglicht, ist, diese Informationen auch spielerisch umzusetzen und so für den Nutzer erfahrbar zu machen. Wenn es zum Beispiel zu Beginn der Hajj geboten ist, die traditionellen Waschung vorzunehmen, dann kann der Nutzer diese mit seinem Avatar durchführen. Wenn es geboten ist, das traditionelle Pilgergewand anzulegen, dann legt der Nutzer seinem Avatar das neue Gewand an. Dabei spielt der Umstand eine entscheidende Rolle dass die meisten Nutzer sich mit Ihrem Avatar identifizieren. Sie sagen nicht: „Mein Avatar war in Mekka, hat die Waschung vorgenommen und die Wallfahrt gemacht“, sondern: „Ich war in Mekka …“. Diese Identifizierung, die über die visuellen, akustischen und motorischen Inputs von Second Life möglich wird, generiert ein sehr realistisches Umfeld, macht Inhalte erfahrbar. Das ist die neue Qualität von Second Life: Inhalte, die vorher maximal multimedial aufbereitet werden konnten, können nun erfahrbar werden. Die Krönung der Möglichkeiten ist dann das Gespräch und der Austausch mit den anderen Besuchern in Second Life. Dieser Austausch kann über Chat aber auch über Voice Chat, also per Stimme, stattfinden. Wenn nun die anderen Religionen nur einen Teleport (ähnlich einem Mausklick) von der eigenen Kirche entfernt sind, dann wird der interkonfessionelle und interreligiöse Austausch in Second Life leicht ermöglicht. Aber auch die Darstellung der eigenen Religion bzw. Konfession wird durch Second Life bereichert, indem sie erfahrbar gemacht werden kann.

Ein Wort zu den Schattenseiten:

Phänomene wie etwa Vereinsamung oder Flucht in digitale Welten, der ganze Themenbereich Internetsucht darf sicherlich bei der Diskussion nicht aus dem Blick verloren werden – Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Dieser Schatten darf aber nicht den klaren Blick auf die Chancen trüben. Selbst wenn einige Internetnutzer sich in den 3D-Welten zu verlieren drohen – ist es dann nicht gerade die Pflicht der Kirche hier präsent zu sein und Kontakt zu den Menschen zu suchen? Ist es dann nicht eine Chance, dass es solche virtuelle Welten gibt, in der man die Menschen ansprechen kann, die sich in Ihrer Einsamkeit hierhinein verirren oder flüchten? Eine theologische Parallele zur Karsamstagstheologie bei Hans Urs von Balthasar ist hier spürbar.

Doch solche Problemfälle in 3D-Welten dürften eher die Ausnahme sein: Nie-mand käme schließlich auf die Idee, das Autofahren prinzipiell in Frage zu stel-len, auch wenn weltweit jährlich 1,2 Millionen Menschen an den Folgen des Straßenverkehrs sterben. Und der Prozentsatz an durch das Internet geschädigten Personen dürfte prozentual unter dem der durch den Straßenverkehr beeinflussten Menschen liegen. Ein weiteres Skandalon: Der Begriff „virtuell“ wird in solchen Diskussionen zu oft als Abwertung gegenüber einer vermeintlichen Realität gesehen. Diese Unterscheidung zwischen virtuell und real ist in Bezug auf die Diskussion von Chancen und Gefahren der 3D-Welten kritisch zu sehen: Um es mit den Worten eines aktiven Internetpfarrers zu sagen: „Bin ich virtuell, wenn ich auf die Tastatur tippe und real, wenn ich den Kaffee daneben trinke?“ oder mit den Worten eines Nutzer von Second Life: „Wir sprechen nicht von real und virtuell, sondern von first und second life um zu verdeutlichen, dass es zwei Aspekte eines Lebens sind.“

Ein anderer Einwand gegen Second Life ist treffender: Second Life und andere 3D-Welten sind noch ein Randphänomen. Auf diese Problematik angesprochen, zeichnet der Entwickler von Second Life, Philip Rosedale, gerne eine Parallele zum Aufkommen des Web (WWW) Anfang der 90er Jahre: So wie damals - als Google aufkam und kaum jemand es genutzt hat, weil wenige das Potential erkannten - so ist es - laut Rosedale - zur Zeit mit den 3D-Welten im Internet: Der Mainstream hat noch nicht das Potential erkannt, was in diesen 3D-Welten steckt. Anwendungen wie etwa die virtuelle Hajj, das WWF Regenwaldprojekt oder der Nachbau von Guantanamo Bay geben diesen Worten Plausibilität. Nach einer aktuellen Studie von Fittkau & Maaß nutzt nur etwa jeder 100. deutsche Internetnutzer Second Life. Nach einer Studie von Gartner hingegen werden im Jahr 2012 80% der Internetnutzer ein Second Life haben, wobei es nicht notwendig in Second Life sein muss, sondern auch eine andere 3D Welt sein kann. Wahrscheinlich wird die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen. Was allerdings sehr für den Bedeutungszuwachs der 3D-Welten spricht ist die technische Entwicklung. Zur Zeit sind Second Life u.a. Programme noch sehr fehleranfällig und stellen die aktuelle Hardware auf eine hohe Belastungsprobe. Es bedarf noch des Herunterladens einer Client-Software, woran viele Nutzer schon scheitern. Doch die technische Ausstattung der Haushalte wird besser, die Software wird weiterentwickelt und vielleicht bald schon komplett über den Browser bedienbar sein. Insgesamt sind dies alles Indikatoren dafür, dass mehr Internetnutzer 3D-Welten betreten können und werden.
Ein nicht zu unterschätzendes Problem liegt in dem nötigen Personal- und Zeitaufwand um in Second Life aktiv zu sein. Computerbasierte Kommunikation ist zeitintensiv. Dies bestätigt auch der ev. Pfarrer Heino Masemann, der in Second Life als Seelsorger aktiv ist. Und hierbei ist dann eine dritte Parallele zum first life gefunden: Ehrenamtliche Laien sind unentbehrlich um der Kirche ein Gesicht im Second Life zu geben.

Fazit: Große Chancen, gerade im interreligiösen und -konfessionellen Dialog:

Als Orientierungsgeber wird eine offizielle Repräsentanz der Kirche in Second Life dringend benötigt. Die Chancen sind - gerade für den interreligiösen Dialog - zu groß, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein virtueller Jakobsweg in Second Life – oder ein Kreuzweg wären für viele Internetnutzer neue Zugangsmöglichkeiten zu den Schatzkammern des Glaubens und Anlass für Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Doch wer nicht präsent ist, kann auch kein Profil zeigen.

Da das Web vor kurzem 15 jährigen Geburtstag feierte, scheint ein Vergleich angebracht: Vergleicht man Second Life (als Repräsentant des Phänomens 3D-Internet) mit der Entwicklung des Web, dann ist es noch sehr jung. Gerade mal 5 Jahre ist Second Life alt. Wenn man zurückschaut, welchen Entwicklungsstand das Web im Alter von 5 Jahren, also im Jahre 1998, hatte, darf man gespannt sein, was sich noch alles an Entwicklungen in Second Life ergeben wird. Die ersten spannenden und vielversprechenden Anwendungsmöglichkeiten von Second Life werden gerade erst entwickelt. Für eine Kirche, die missionarisch ist und die darauf aus ist, die frohe Botschaft zu verkünden, bieten sich hier große Chancen.

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